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Yan Lianke: Dem Volke dienen

In China verboten: Yan Liankes Roman „Dem Volke dienen“ (2007)

Von Marina Neubert

Na endlich, schießt es einem durch den Kopf, wenn man die deutsche Ausgabe von Yan Liankes Romans "Dem Volke dienen" (2007) in der Hand hält. Der 1958 in der ostchinesischen Provinz Henan geborene Yan Lianke zählt zu den bedeutendsten chinesischen Gegenwartsautoren. Seine Romane und Kurzgeschichten sind sowohl in Asien als auch in Russland bekannt und wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit den wichtigsten Literaturpreisen Chinas, dem Lao-She- sowie dem Lu-Xun-Preis. Und nun schaffte es Yan Lianke auch auf den deutschen Buchmarkt, nachdem sein jüngster Roman wegen Beleidigung Mao Tsetungs und sexueller Zügellosigkeit in China verboten wurde.

Doch es wäre ungerecht, Liankes Gesellschaftskritik auf Mao, Sex und Verbot zu reduzieren. Das alte maoistische Motto "Dem Volke dienen!", welches das moderne China aus der Zeit der Kulturrevolution übernahm, hat inzwischen ausgedient. Darum geht es in seinem melancholisch-ironisch-erotischen Roman, der hinter sprudelnder Komik auch Befangenheit und teilweise Hilflosigkeit der jungen Chinesen verbirgt.

Hauptfigur ist der einfache Soldat Wu Dawang, der in der Zeit der Kulturrevolution als Haushaltshilfe in der Residenz des Divisionskommandeurs seinen Dienst am Volke leistet. Er arbeitet hart und hofft, dass er mit einer baldigen Beförderung seiner Familie eine Zuzugsgenehmigung in die Stadt beschaffen kann. Doch dann geht der Kommandeur auf Dienstreise und dessen Frau Liu Lian erwartet einen ganz besonderen "Dienst" vom wortkargen Soldaten. Was tut man nicht alles für sein Volk? Im Endeffekt lieben sich zwei nackte Körper leidenschaftlich auf einem Fußboden, auf dem buchstäblich die zerstörten Schätze des maoistischen Glaubens herum liegen. Was ist bloß aus den alten Werten geworden?

Dass Liankes Roman in China auf dem Index steht, ist kein Wunder. Er ist alles andere als konform mit den Richtlinien der chinesischen Politik. Eine dortige Zeitschrift, die bereits einen Auszug aus dem Roman gedruckt hatte, wurde sogar vom Markt genommen. Nun kursiert der chinesische Originaltext lediglich im Internet.

(Die Rezension erschien am 26. Oktober 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)