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Alexander Puschkin: Kleine Tragödien

Salieri will Gerechtigkeit und tötet Mozart - Alexander Puschkin offenbart in den „Kleinen Tragödien“ seine Sehnsucht nach Anerkennung

Von Marina Neubert

Was wäre, wenn man Genies nur an der Größe ihrer Anerkennung zu Lebzeiten ausfindig machen könnte? Es würde wimmeln von lauter Genies. Aber weder Alexander Puschkin noch eine der Hauptfiguren seiner "Kleinen Tragödien", Wolfgang Amadeus Mozart, kämen auf diese Liste. Würde man ein Genie an dem Ausmaß der Ablehnung und Missgunst erkennen wollen, stünden die Beiden dagegen weit vorne.

Ein kritischer Geist, Rebell, bekannter Don Juan und Heißsporn, passte der geborene Aristokrat und Begründer der neueren russischen Literatursprache Alexander Puschkin (1799-1837) weder in den gesellschaftlichen Rahmen der damaligen Adelswelt noch in den Kreis der konventionellen Dichter. Mit 31 Jahren, als die Missgunst der russischen Oberschicht ihm gegenüber ihren Höhepunkt erreicht hatte, zog er sich aus Sankt Petersburg aufs Land zurück und schrieb dort fünf "Kleine Tragödien": "Der geizige Ritter", "Mozart und Salieri", "Der steinerne Geist", "Das Gelage während der Pest" und "Rusalka", die er zu einem Kurzdrama miteinander verband.

Seine eigenen Erfahrungen mit Ablehnung, Neid und Verrat setzte Puschkin in Bezug zu vorhandenen weltgeschichtlichen Erfahrungen, etwa zu den Legenden über Don Juan oder über Mozart und Salieri. Die Brücke, die die fünf Sujets miteinander verbindet, ist das Drama der unerfüllten Sehnsucht nach Gerechtigkeit, das auch Puschkins persönliches Drama war. Seine Hauptfiguren sind einander und vor allem ihm selbst sehr ähnlich. Juan, Mozart, Albert, Müllers Tochter oder Salieri - das ist ein und derselbe Mensch in wechselnden Kostümen, der sich missverstanden fühlt und in atemberaubender Kürze immer wieder die gleiche Frage stellt: Was, wenn es die höchste Gerechtigkeit gar nicht gibt?

Auch "Mozart und Salieri" beginnt mit Salieris verzweifeltem Aufruf nach Gerechtigkeit. Er, ein talentierter Komponist, der kraft seines Verstandes und durch die Liebe zur Musik höchste Anerkennung in der Gesellschaft erreichte, weint vor Begeisterung bei Mozarts Musik und empfindet dessen Genialität als größte Ungerechtigkeit. Wie konnte Gott diesem leichtsinnigen Schurken so eine hohe Gabe schenken? Mozart sei dieser Gabe nicht würdig, meint Salieri und rebelliert. Er selber glaubt die Gerechtigkeit wiederherzustellen, indem er Mozart vergiftet.

Natürlich ist Salieri ein Verbrecher, Mörder, doch er ist bei Puschkin auch ein Opfer seiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Dafür musste ein Genie sterben. Wie ungerecht! Alexander Puschkin sah in Mozart sich selbst. Deshalb ist auch Mozarts Tragödie seine eigene: Die Tragödie eines ungerecht Behandelten. Und was, wenn es die Gerechtigkeit gar nicht gibt?

Er beantwortete in den "Kleinen Tragödien" diese Frage nicht, obwohl er sie nachdrücklich stellte. Er tat es nicht, weil er keine Antwort wusste. In einem privaten Brief an einen seiner Freunde schrieb er: "Ich weiß nicht, ob das, was ich mir wünsche, nennen wir es Gerechtigkeit, überhaupt existiert?" In Puschkins ehrlichem Eingeständnis besteht auch seine große Kunst. Deshalb sind seine "Kleinen Tragödien", die von den Zeitgenossen, die dieses Eingeständnis als Hilflosigkeit auslegten, abgelehnt wurden, sein tiefstes, aufrichtigstes Werk.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 19. Juli 2007)