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Amos Oz: Verse auf Leben und Tod

Ein israelischer Grenzgänger - Der Romancier Amos Oz hadert in der Novelle "Verse auf Leben und Tod" mit Fiktion und Wirklichkeit

Von Marina Neubert

"Leben oder Schreiben, beides geht nicht!" Dieses unmissverständliche Entweder-Oder entstammt nicht der Feder von Amos Oz. Der fast siebzigjährige israelische Romancier, dem vor kurzem der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preis verliehen wurde, ist alles andere als lebensfremd. Anders als seine österreichische Kollegin Elfriede Jelinek, die sich aus der alltäglichen Normalität des Lebens ins einsame Schreiben zurückzieht, versucht Amos Oz - Mitbegründer der politischen Bewegung "Peace Now" und hierzulande neben A. B. Yehoshua und David Grossman der bekannteste Friedensvorkämpfer in der israelischen Literatur - beides miteinander zu vereinbaren. Sein langes schriftstellerisches Leben lang - mit gleichbleibender Intensität.

Darin liegt zweifelsohne seine Stärke. Doch wie sein jüngstes Buch auch zeigt - gleichwohl seine große Sorge. Amos Oz' neue Novelle "Verse auf Leben und Tod" offenbart das subversive Wechselspiel zwischen Literatur und Wirklichkeit. Sie weist ebenso auf den Zwiespalt im Leben eines Schriftstellers hin, der in diesem Prozess entsteht und der für Oz selbst, insbesondere in den letzten Jahren, zunehmend erkennbarer wurde.

Die Frage, inwieweit das eigene Erlebte sich dem literarischen Werk aufzwingen darf, beschäftigt den mit seinem Roman "Mein Michael" (1968) bekannt gewordenen Autoren, dessen Bücher fast durchgehend autobiografisch sind, seit langem. Dass er mit dem Verhältnis von "Fiktion und Wirklichkeit" im inneren Konflikt steht, wurde erst in seinem preisgekrönten Roman über die Gründerjahre des Staates Israel "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" (2002) spürbar.

Darin macht Amos Oz unter anderem auf das Problem der Verschränkung von Fakten und Fiktion aufmerksam, die aufgrund seiner eigenen, sehr persönlichen Erinnerungen - vor allem an den Selbstmord seiner Mutter Fania Klausner - wohl unumgänglich waren. Doch das, was er in "Einer Geschichte von Liebe und Finsternis" nur andeutet, rückt er in der neuen Novelle "Verse auf Leben und Tod" bewusst in den Vordergrund.

Und zwar in einer klugen, schonungslos (selbst)beobachtenden und (selbst)ironischen Art und Weise, die seinen literarischen Stil auszeichnet und ihn so einzigartig macht. Nicht mehr allein die Frage, inwieweit das eigene Werk vom Selbsterlebten beeinflusst werden darf, ist für ihn relevant. Diesmal geht der mutige Schriftsteller einer viel wichtigeren Frage auf den Grund: Inwieweit und ob überhaupt kann die Imagination des Autors auf die wirklichen Ereignisse und das Schicksal realer Menschen Einfluss nehmen? Wie groß ist dabei das Risiko? Wie hoch der Preis?

Auf den ersten Blick passiert nicht viel in Oz' neuer, sehr leiser Novelle. Die Hauptfigur - ein bekannter israelischer Schriftsteller - wird zu einer Lesung in ein Kulturzentrum nach Tel Aviv eingeladen. Während der Veranstaltung tut er nichts anderes als das, was Schriftsteller sonst auch tun: Er beobachtet Menschen und erfindet mit einer fesselnden Erzähllust ihre Lebensläufe neu. Aus einem Jungen, der zufrieden und ahnungslos im Saal sitzt, wird auf einmal ein kantiger, hagerer Mann, der wie ein Affe aussieht und irgendein unbedeutender Funktionär sein muss und zu dem - aus welchen Gründen auch immer - der Name Arnold Bartok passen könnte.

Doch dieses eher unschuldige Fantasieren eines Schriftstellers endet dort, wo Oz' Geschichte ihren Wendepunkt nimmt: Wenn die literarische Einbildung seine eigene Wirklichkeit bedroht. Nach der Lesung begleitet der Schriftsteller seine Vorleserin Rochele Resnik nach Hause. Auf dem Weg erfindet er, ohne es selbst im Geringsten wahrzunehmen, die schüchterne Vorleserin neu. "Ihre Stimme", sagt er der Frau, die er umwirbt, "klingt wirklich wie die Stimme meiner Figur, so wie ich sie beim Schreiben gehört habe." Er steigert sich in seine Fantasie hinein und merkt nicht, wie aus der realen Rochele eine fiktive Rachel wird.

Fiktion und Fakten vermischen sich erneut. In der ersehnten Liebesszene mit Rochele, im entscheidendsten Moment, fällt dem Schriftsteller auf einmal der fiktive hagere Mann ein, den er Arnold Bartok getauft hat. Das Resultat: "Bei diesem Gedanken erlischt seine gerade neu erwachende Lust völlig. Rachels hingebungsvollen Fingern gelingt es nicht, das wiedergutzumachen, was Arnold Bartok, vielleicht als verspätete Rache, anrichtet." Die Liebesnacht scheitert. Der Schriftsteller schleicht sich beschämt davon.

Literatur und Wirklichkeit. Amos Oz wird sich wahrscheinlich bis zum Schluss zu den beiden Maximen bekennen und versuchen, sie miteinander zu versöhnen, wohl wissend, dass der Grad zwischen beiden sehr schmal ist. Was aber den neuen Oz, der seine jüngste, auf eine sehr diskrete Weise (selbst)enthüllende Novelle "Verse auf Leben und Tod" geschrieben hat, von dem früheren Oz unterscheidet, ist: Mit diesem Werk bekennt er sich vorbehaltlos zu der Verantwortung, die ein Autor bei der Verschränkung von Fiktion und Wirklichkeit zu tragen hat. Denn das Spiel mit dem Leben realer Menschen kann am Ende auch gefährlich sein.

Nicht umsonst hält er uns auf der letzten Seite seiner Novelle eine Liste mit den von ihm erfundenen Personen vor Augen - es sind all jene, die sich aus gelangweilten Menschen zugunsten der Literatur in künstliche Marionetten verwandelten. Aber was würde wohl die reale, gesunde Mutter des real zufriedenen Jungen im Saal, der vom Schriftsteller zum missmutigen Arnold Bartok stilisiert wurde, sagen, wenn sie erführe, dass sie auf einmal gelähmte Beine hat und von nun ab auf einen Nachttopf angewiesen ist? Für den Schriftsteller ist es empfehlenswert, ihr besser nicht zu begegnen.

(Die Rezension erschien am 4. Juli 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)