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Annette Pehnt: Mobbing

Sie kämpft um ihren Mann - Annette Pehnt beschreibt in ihrem Roman „Mobbing“ (2007) die Auflösung des bürgerlichen Familienmodells

Von Marina Neubert

„Das war's, sagte Jo.“ Er, Joachim Rühler, hat gegen die Schikanen seiner Chefin so lange gekämpft, bis er fristlos entlassen wird. Mit dem kurzen Satz beginnt Annette Pehnts neuer Roman „Mobbing“. „In diesem Moment gab ich auf“, sagt sie, die Ich-Erzählerin und Jos Ehefrau, am Ende des Romans, nach einem langen Kampf um ihren Mann und seine Nähe, von der nur noch Misstrauen übrig blieb. Endstation Hilflosigkeit. Und die neue Pehnt ist ganz die alte geblieben, denn auch auf die Figuren ihrer früheren Romane wartete ein ähnliches Schicksal: Endstation Selbstverleugnung in „Ich muß los“ (2001), Endstation Müllkippe in „Insel 34“ (2003) und Endstation Altersheim in „Haus der Schildkröten“ (2006).

Die 40-jährige Autorin aus Freiburg in Breisgau ist heutzutage eine der empfindsamsten Chronistinnen der Unerfüllbarkeit unserer Sehnsucht nach einem Happy End. Angefangen hat die heute bereits mehrfach preisgekrönte Erzählerin 2001 mit dem Scheitern von Kauz Dorst, einem traurig-charmanten Romanhelden, der sich auf der Suche nach dem eigenen Ich aus der sozialen Welt um den Preis der Selbstzerstörung zurückzog. 2003 trat das begabte, ebenfalls zurückgezogene Inselmädchen in Erscheinung, das auf seiner utopischen Forschungsodyssee auch vergebens nach menschlicher Wärme suchte. Und drei Jahre später, in ihrem dritten Roman, zeichnete Annette Pehnt eine trostlose Szenerie der langsamen Lossagung von jeder Art der Hoffnung in einem Altersheim nach.

Pehnts neuer Roman „Mobbing“ ist bis jetzt ihr ergreifendster Beweis der Unerfüllbarkeit unserer Sehnsucht nach Harmonie und Beständigkeit. Diesmal hat die dreifache Mutter einen Roman über das geschrieben, was sie aus ihrer eigenen Erfahrung kennt. Pehnts Ehemann wurde auch gemobbt, so konnte sie nicht nur exakt beobachten, was dabei geschah, sondern musste es hautnah miterleben.

Die fiktive Geschichte im Roman lässt sie die Ehefrau des Protagonisten erzählen. Früher arbeitete Jos Ehefrau als Übersetzerin der französischen Literatur, aber heute lebt sie in ihrem schönen Haus, kümmert sich um ihre beiden Töchter und führt das geordnete Leben einer Mittelstandsfamilie. Bis ihr Ehemann eines Tages fristlos gekündigt wird. Nun beginnt der Countdown des Niedergangs: Es beginnt mit den anfänglichen Versuchen, mit der Situation Verständnis zu haben. Dann keimt die Angst auf, aus dem schönen Haus ausziehen zu müssen und den Bekanntenkreis zu verlieren, denn die Außenwelt ist bekanntlich selten auf der Seite von Verlierern. Es folgen groteske Vorstellungen darüber, wie man sich im Alltag über Wasser halten kann, wenn man kein Geld mehr hat, bis hin zum schleichenden Vertrauensverlust und zur Hilflosigkeit.

„Ich gehe mit dem Baby ins Kaufhaus. Das Baby bekommt am Metzgerstand Fleischwurst und am Backstand ein Stück Brezel, beides esse ich, sobald wir außer Sichtweite sind.“ Annette Pehnt kann schlichte Sätze von erschütternder Wahrhaftigkeit formulieren. Und es ist ihr großes Talent, den Leser bei seinen eigenen, mehr oder weniger tief liegenden Existenzängsten zu packen. Auch wenn an der Oberfläche allgemein der tröstliche Glaube herrscht, durch das Einkommen einigermaßen gesichert zu sein. Aber diesen Sicherheitsmechanismus hebelt Pehnt mit einer einzigen Szene am Anfang des Romans aus, als Joachim den Briefumschlag mit der fristlosen Kündigung auf den Küchentisch wirft.

Was bleibt, ist das gut funktionierende Familienmodell, das sich durch solche Außenwirkungen nicht ernsthaft bedrohen lassen dürfte. Doch Annette Pehnt führt vor, dass auch diese innere Sicherheit trügerisch ist. Im schleichend lakonischen Stil beschreibt sie, wie ihre Ich-Erzählerin sich selbst dabei beobachtet, zuerst den Respekt, dann auch das Vertrauen ihrem Mann gegenüber zu verlieren. An einem Punkt weiß sie nicht mehr, wer der schweigsame Mensch am Küchentisch, den sie früher für ihren redseligen, charmanten Jo gehalten hat, eigentlich ist.

Jo denkt nur noch an seine Chefin, an die verräterischen Kollegen und an die Rache. Er hat sich verändert und mit ihm auch seine Körperlichkeit, seine Ausdrucksweise. Er ist abwesend geworden. Pehnt lässt ihn zwar den ersten Prozess gegen seinen Arbeitgeber gewinnen, aber sie verwandelt ihn dabei in einen Roboter, der jeden Morgen das Haus verlässt, um irgendwelche sinnlosen Aufgaben in einem schäbigen Container zu erledigen.

Ein bürgerliches Familienmodell löst sich auf knappen 160 Seiten auf. So schnell kann es gehen. Das ist Annette Pehnts Botschaft. Nichts ist auf Dauer, nichts ist sicher. Indem sie die Zersetzung einer Familie durch Mobbing schildert, zeigt sie auch die bitterste Folge solch einer Situation: Den Zusammenbruch einer Persönlichkeit. Joachim Rühler, der sich als ein aktiver, sozial potenter Mann definierte, löst sich als Individuum auf, sobald seine Rolle im Arbeitsleben zu Ende ist. Als wäre er früher, ohne diese Welt, gar nicht existent gewesen. Es gibt wohl kaum einen sozialen Zerstörungsvorgang, der weiter reicht als solch ein Selbstverlust. Und Annette Pehnt ist es gelungen, in ihrem neuen Roman diesen Vorgang knapp und erschütternd nachzuzeichnen.

(Die Rezension erschien am 21. Dezember 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)