Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Brüder Presnjakow: Tötet den Schiedsrichter

Tötet wen auch immer - Die schrillen Brüder Presnjakow liegen mit ihrer Satire „Tötet den Schiedsrichter“ (2007) im Trend auf dem russischen Markt

Von Marina Neubert

Zwei alte Weisheiten gibt es, die nicht nur auf dem Fußballplatz aktuell sind. Die erste: Zusammen ist man weniger allein. Wenn der britische Pop-Autor Nick Hornby im Roman "A long way down" seine einsamen Loser entdecken lässt, dass das Leben "really not so bad" sei, wenn man nicht alleine ist, bleibt dem in Sachen Zusammenspiel wenig hinzuzufügen. Die zweite Weisheit: Jede Nation wartet auf ihr Wunder von Bern. Und nun stürmen - wie ein Blitz aus heiterem Himmel - zwei Brüder aus dem russischen Ural auf den deutschen Buchmarkt und schlagen vor, doch lieber den Schiedsrichter zu meucheln, als zusammen glücklich zu sein. Ist es nur Unfug oder steckt mehr dahinter?

Und wer sind überhaupt diese Brüder Oleg und Wladimir Presnjakow, die vor zwei Jahren vom Deutschen Theater zu den "Botschaftern des internationales Wahnsinns" erkoren wurden? Vom Erfolg der "Fußbodenbelag"-Aufführung im DT betört, hatten die beiden promovierten Philologen aus Jekaterinburg eine Art "Selbst-Festival" mit eigenen Theaterstücken organisiert. Der angesagte Kiril Serebrjannikow reichte ihnen nicht mehr aus, um ihr mit dem Europäischen Autorenpreis ausgezeichnetes, hochprozentiges Adrenalinwerk "Terrorismus" zu inszenieren, so dass sie kurzerhand selbst die Regie übernahmen.

Wir alle würden in einer Comic-Welt leben und unsere eigenen Terroristen sein, tobten die Presnjakows im Vierer-Gleichschritt. Und ließen es krachen. Na ja, wenn man im fernen Swerdlowsk (heute: Jekaterinburg) aufgewachsen ist, wo es zu Sowjetzeiten möglich war, dass Studenten während einer Vorlesung gezwungen wurden, den festgetrockneten Vogelkot auf dem Denkmal von Lenins Gefolgsmann Swerdlow mit Schaufeln abzukratzen, dann mag es nicht verwundern, dass diese später auch als Autoren durchdrehen und nicht aufhören können, die alten "Wahrheiten" zerschmettern zu wollen.

Während ihres Festivals hatten die Gebrüder auch ihren ersten Roman "Tötet den Schiedsrichter" präsentiert. Darin gucken vier einsame Typen in einer Bude gemeinsam Fußball, aber anstatt sich als Teil der Nation zu fühlen oder zu erkennen, dass sie zusammen besser dran sind als alleine, machen sie lieber einen Trip nach Antalya, um den "ungerechten Schiedsrichter" umzulegen.

Schließlich vergessen sie ihren Plan und entdecken für sich das "All Inclusive" mit Nachtklubs und Striptease. Eine Gegenwelt also, die in der westlichen Pop-Literatur schon seit einem Jahrzehnt passé ist. Aber die Presnjakows erkunden sie erst jetzt und wehren sich wie trotzige Teenager.

Ihre Satire "Tötet den Schiedsrichter" (Kiepenheuer & Witsch) ist übrigens nur eines von vielen Abwehrmanövern auf dem russischen Buchmarkt. Neben "Tötet mich" von I. Chmelevskaja, "Tötet Bella" von W. Kolichev, "Tötet Margarita" von N. Wadchenko oder "Tötet den General" von M. Nesterov haben in Russland weder ein Wunder von Bern noch ein versöhnliches Zusammenspiel eine Chance. Auf jeden Fall nicht in den nächsten zehn Jahren.

(Die Rezension erschien am 19. Oktober 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)