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Cesare Pavese: Die einsamen Frauen

Der Frauenversteher - Cesare Pavese beschreibt in „Die einsamen Frauen“ die Freude am Alleinsein

Von Marina Neubert

Die Annahme, Männer würden die Frauen nicht verstehen, ist trügerisch. Wenn jemand Frauen wirklich verstehen kann - die Betonung liegt dabei auf "verstehen" - dann sind es Männer. Gewiss nicht alle, aber die besten. Wie sie dann ihr kostbares Wissen einsetzen, hat freilich selten mit dem Verstandenen zu tun. Nur bei ganz wenigen Autoren-Männern stimmen die Ergründung und Konsequenz in punkto Umgang mit ihren Frauenfiguren überein.

Der Italiener Cesare Pavese (1908-1951) zählt zu den wenigen großen Frauenverstehern der literarischen Moderne. Vor knapp sechzig Jahren konnte der Turiner Lektor und Übersetzer von Faulkner, Joyce und Melville, der neben Italo Calvino als einer der Begründer der modernen italienischen Literatur gilt, in seinem letzten Roman "Die einsamen Frauen" die gegenwärtige Frauenkrankheit (oder Hochstimmung, wie man's nimmt) diagnostizieren: Die Freude am Alleinsein.

Ihm gelang es - im leichten Plauderton der gelangweilten, kinderlosen Frauen zu Beginn der fünfziger Jahre, die sich über das Leben, die Kunst, Karriere, Mode, Männer und die Unmöglichkeit der wahren Zweisamkeit unterhalten - das verhängnisvolle Schicksal dieser Freude einfühlsam zu erforschen.

Die junge Rosetta Mola, Tochter aus gutem Turiner Hause, ist ihres Alles-haben-können-und-nichts-mehr-haben-wollen-Lebens, eingelullt in die Partyszenerie der High Society, müde und enttäuscht vom misslungenen Versuch, die Zweisamkeit mit ihrer ebenso lebensmüden Freundin Momina zu finden. Sie macht einen Selbstmordversuch. Ihr "aufgedunsenes Gesicht und wirre Haare" ist das erste, was Paveses Hauptfigur Clelia Oitana auf dem Hotelflur sieht, nachdem sie in Turin ankommt. Sie ist berührt, möchte erfahren, was die wunderschöne Rosetta bewog, mit dem Tod zu spielen.

Die Geschichte über die verheerende Lust am Alleinsein beginnt, ab nun begleitet von Clelia, der selbstbewussten Modedesignerin, die aus Rom nach Turin kommt, um dort eine Zweigstelle eines römischen Ateliers zu eröffnen. Pavese verzichtet bewusst in seinem schmalen Roman, den er im Frühjahr 1949 niederschrieb, auf einen interpretierenden Erzähler. Den Charakter seiner Figuren sowie die Psychologie des Geschehenen macht er zum größten Teil nur über Clelias Bemerkungen deutlich.

Sie kommt nicht von ungefähr nach Turin. Sie ist in dieser Kleinstadt geboren worden und in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Die noble Gesellschaft, die die erfolgreiche Geschäftsfrau aus Rom willkommen heißt, hätte sie vor siebzehn Jahren mit Sicherheit abgestoßen. Doch jetzt gehört die unabhängige Turinerin, in einen Pelzmantel gehüllt, dazu. Dass sie die Einzige im bunten Figurenkabinett des Romans ist, die über die Anderen Aussagen treffen kann, liegt daran, dass sie auch über eine besondere, seltene Eigenschaft verfügt: Sie ist glücklich, allein zu sein. Umso rätselhafter ist für sie die Verzweiflung Rosettas, die sich - nach dem ersten misslungenen Selbstmordversuch - erneut vergiftet und stirbt.

Ein Selbstmord müsste zweckfrei sein, könnte man meinen. Doch nicht bei Pavese, der selbst seinem Leben ein Ende setzte. Deshalb ist die Vermutung Clelias, Rosetta hätte sich umgebracht, um endlich allein sein zu können, der Höhepunkt, auf den er seine Geschichte treibt, um die von Clelia besungene Freude am Alleinsein letztendlich nur als Mittel zum Zweck zu entlarven. Paveses Figuren steuern bereits 1949, wie überzeugte Kapitäne des eigenen Individualismus, auf ein Ziel zu, vor dem viele sich heute fürchten: Die selbst verordnete Einsamkeit.

(Die Rezension erschien am 24. Oktober 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)