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Gerlind Reinshagen: Die Frau und die Stadt

Am großen Stern

Fotograf adoptiert elfjährige Waise - Die Berliner Autorin Gerlind Reinshagen beschreibt im Roman „Am Großen Stern“, wie Liebe an der Unerfüllbarkeit scheitert

Von Marina Neubert

Falk und Bronja - ein Berliner Fotograf und ein Waisenmädchen aus Russland, die vom ersten Augenblick an nicht voneinander lassen können. Stillschweigend, ohne jegliche Berührung. Das Bedürfnis, sich in der Nähe zu wissen, wird schnell zur Bestimmung. Der sonst unnahbare Falk, der sich mit Gelegenheitsaufträgen durchs Leben schlägt, entscheidet sich innerhalb weniger Sekunden, das elfjährige Mädchen zu adoptieren. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel! Er als Vater?! Was steckt dahinter? Wo doch "kein Begehren im Spiel" ist, Falk zeigt sich sicher, "das weiß er gewiss."

In der Tat: Gerlind Reinshagens "Am Großen Stern" (1996) ist alles andere als ein Roman über eine pädophile Beziehung. Und Falk ist nicht Nabokovs Exzentriker Humbert Humbert, der seine zwölfjährige Stieftochter begehrt, sondern jemand, der sich verbraucht fühlt, in seiner Seele verglüht, erloschen. Ebenso ist die wunderschöne, impulsive, begeisterte Bronja nicht das verführerische "kleine Luder" namens Lolita. Ganz im Gegenteil: Sie ähnelt eher Rilkes oder Altenbergs Kindfrauen, die von jeglicher sexueller Anziehungskraft befreit sind. Reinshagens "femme-enfant" ist unschuldig. Und genau diese Unschuld, diese Echtheit, dieses unbeschreibliche Feuer ihrer Kindheit wird sowohl Falk als auch ihr selbst zum Verhängnis.

Es ist kein Zufall, dass Gerlind Reinshagen ein Buch geschrieben hat, in dem die Sehnsucht nach dem ewig Kindlichen im Mittelpunkt steht. Denn genau genommen begleitet die Berliner Autorin diese Thematik bereits seit ihrem ersten großen Bühnenerfolg "Sonntagskinder" (1976). Die Welt aus der Perspektive der kindlichen Verzauberung zu sehen, stand immer schon in ihrer literarischen Welt für eine Art seelische Rettung.

Doch kann dieser Notanker auch in die reale Welt des Erwachsenwerdens geworfen werden? Schon bei der ersten Begegnung mit Bronja glaubt Falk daran, dass dies tatsächlich möglich wäre. Er möchte das Kind behalten, es aufziehen - rein, unbeschädigt von äußeren Einflüssen.

Eine der stärksten Szenen im Roman findet sich gleich zu Beginn: Falk lässt Bronja ihre alten Anziehsachen in die Mülltonne werfen, bevor sie ihr neues Domizil in seiner Altbauwohnung bezieht. Und schon bald folgt der nächste, auf den ersten Blick eher unspektakuläre Schritt: Falk und Bronja lassen gemeinsam die Geschenke, die das kleine Mädchen von anderen Menschen bekommen hat, verschwinden. Gerlind Reinshagen weiß es meisterhaft, dem scheinbar Nebensächlichen große Bedeutung abzugewinnen.

Denn aus diesen alltäglichen Kleinigkeiten scheint sich langsam eine Art Zwangshandlung aufzubauen. Falk will mit aller Macht verhindern, dass aus seiner unschuldigen Bronja eines Tages eine erwachsene Frau wird. Er geht aufs Ganze, wird rücksichtslos: Um ihr angeblich bei den Schulaufgaben zu helfen, sperrt er sie zuhause wie eine Gefangene ein. In Wirklichkeit aber will er sie vor dem Einfluss ihrer Schulfreundin Roswitha bewahren, vor den falschen Blicken seines eigenen Freundes Percy.

Es wird im Endeffekt auch Percy sein, zu dem die siebzehnjährige Bronja flüchtet, um endlich erwachsen sein zu dürfen. Sie wird von ihm schwanger, treibt ab, kehrt zum verzweifelten Falk zurück und fleht ihn an, sie als Frau zu lieben. Er weigert sich. Zum letzten Mal sieht der Unglückliche sein geliebtes Mädchen im Krankenhaus - tot, in einem kalten Bett liegend.

Gerlind Reinshagen hat mit dem Roman "Am Großen Stern" die faszinierende Geschichte einer gescheiterten Utopie erzählt. Ein ungleiches Paar, das an seinen Wünschen und vor allem an der eigenen Besessenheit zugrunde geht: Falk an der Unerfüllbarkeit des Traumes von ewiger Unschuld - die heranwachsende Bronja an der Unerfüllbarkeit ihrer ersten großen Liebe.

(Die 24. Folge der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 4. August 2008 in der Berliner Morgenpost)