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Am großen Stern

Gerlind Reinshagen: Die Frau und die Stadt

Gerlind Reinshagen Foto: privat

Gerlind Reinshagens Erinnerungen an die Berlinerin Gertrud Kolmar – „Die Frau und die Stadt. Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar“ (2007) wurde von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch des Monats gewählt

Von Marina Neubert

Es gibt Schriftsteller, die scheinen abseits von der Zeit zu leben. Doch alles, worüber sie schreiben, spiegelt diese Zeit exakt wieder, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Gerlind Reinshagen, die die Tür ihrer Berliner Wohnung mit einer herzlichen Selbstverständlichkeit weit öffnet, ist bereits über Achtzig. Das Alter mag man ihr nicht ansehen, doch in ihren viel gespielten Bühnenstücken, in ihren Romanen und Erzählungen findet sich das von ihr Erlebte wieder. Nur so, sagt sie, könne sie die richtige Emotion des Moments erfassen: Durch die Augen der anderen, mit den Stimmen der vielen.

Für ihr jüngstes Werk "Die Frau und die Stadt. Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar", das von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch des Monats gewählt wurde, hat sie sich die Augen und die Stimme einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen ausgesucht: Gertrud Chodziesner, die unter dem Pseudonym Kolmar veröffentlichte, bis sie 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

"Das Wichtigste in diesem Werk war für mich", sagt Reinshagen, die selbst zu jener Zeit noch ein Kind war, doch die Kriegsjahre so sehr verinnerlicht hatte, dass der größte Teil ihres literarischen Werks sich nach wie vor damit auseinandersetzt, "der Frage nachzukommen, wie läuft ein Künstlerschicksal unter einem Zwangsregime ab? Daran schloss sich natürlich gleich die nächste Frage an, wie hätte ich mich selbst damals verhalten? Hätte ich den Mut gehabt, meinem Lebensentwurf zu folgen? Hätte ich Kompromisse geschlossen?"

Mit Kolmars Augen lässt Reinshagen in ihrem episch-dramatischen Gedicht, das Details der Biographie, der Briefe und des Werks der Dichterin mit literarischer Fiktion verschränkt, uns die Stadt Berlin in der Nazi-Zeit erleben - und gleichzeitig diesen Fragen anzunähern. Mit Kolmars Stimme lässt sie uns den inneren Monolog der jüdischen Zwangsarbeiterin Gertrud Chodziesner hören, die eines Nachts auf die Siegessäule hinaufsteigt, um sich das Leben zu nehmen. In der Form der Assoziationen lässt sie ihre Vergangenheit noch einmal Revue passieren, bis kurz vor den Absturz, den Niedergang. Kurz bevor sie aus ihrer geliebten Stadt, die ihr zunächst Lebenskraft schenkte, sie aber schließlich verriet und wie einen Un-Menschen behandelte, ins Vernichtungslager transportiert wird.

Ließe Gerlind Reinshagen ihre literarische Figur den Selbstmord vollziehen, wäre ihr neuer Text nur einer unter vielen in der Literatur fiktiver Biographien geworden. Doch ihre Figur steigt von der Siegessäule wieder herunter. Sie beschließt durchzuhalten, und sei es nur, "um ein Dreck zu werden unter euren Stiefeln, Mörderbande, der euch noch tausend Jahr lang an den Sohlen kleben soll." Mit dieser Entscheidung Kolmars, oder besser gesagt Reinshagens, avanciert dieses rhythmische Prosastück zur Ode an die Selbstbefreiung: Die Dichterin entscheidet sich, ihr Leben bis zum letzten Augenblick zu leben. Sie kämpft sich von Todesängsten frei und dichtet weiter.

"Ihre übermenschliche Leistung war", sagt Gerlinde Reinshagen, die den schmalen, von ihr herausgegebenen Band "Welten" mit Gedichten Kolmars in der Hand hält, "noch im Augenblick der tödlichen Gefahr, ein Freiheitsfieber in sich entfachen zu können." Diese Fähigkeit habe sie immer schon bei Menschen bewundert, auch bei ihrer eigenen Tante, die trotz ihrer Blindheit dem Leben gewissermaßen mit offenen Augen entgegensah.

Und so setzt Reinshagen mit ihrem jüngsten Werk dem menschlichen Durchhaltewillen ein Denkmal. Ihr hohes Alter sei für sie selbst auch eine Art Herausforderung, das Beste aus dem Leben zu machen. "Das Dasein, auch wenn es manchmal zum Verzweifeln ist," sagt sie, "deutet uns immer wieder Gegenmöglichkeiten an, die Spur von Glück, von Erkenntnis." Für Reinshagen selbst ist es die Erkenntnis des Zeitlosen. Bei Gertrud Kolmar war es die Erkenntnis eines stolzen Opfers.


Die Berliner Autorin und ihr Werk
Die Autorin Gerlind Reinshagen, 1926 in Königsberg/Ostpreußen geboren, lebt in Berlin, ihre Heimat seit den fünfziger Jahren. Sie gehört zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Literatur. Ihr erstes Stück "Doppelkopf" (1968), von Claus Peymann inszeniert, machte sie bekannt. Und mit ihren "Sonntagskindern" (1976) sorgte sie für eine Wende in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit. Zuletzt erschien ihr Roman "Vom Feuer". Die Suhrkamp-Autorin ist Mitglied des Verbands Deutscher Schriftsteller, des deutschen Pen-Zentrums und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main.

(Das Porträt erschien am 29. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)