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Joseph Roth: Hiob

Der Leidensweg eines Dorfschullehrers

Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth deutete 1930 die biblische Hiobsgeschichte auf zuversichtliche Weise

Von Marina Neubert

Die alttestamentarische Geschichte des Hiob hat in der westlichen Kultur eine Fülle von Deutungen erfahren. Dichter wie Dante, Goethe, Milton, Melville, Philosophen wie Hobbes, Kant, Kierkegaard, Musiker wie Johannes Brahms haben aus dem Hiob-Buch geschöpft. Sein Name wurde zum Sinnbild für einen gütigen und dennoch vom Schicksal geschlagenen Menschen. In der Erzählung "Bontsche Schweig" von Isaak Leib Peretz ist Hiob sogar zur Symbolfigur für das ganze geschmähte jüdische Volk geworden. Andere Autoren wiederum haben aus der Hiobsgeschichte eine Satire gemacht, wie Oskar Kokoschka, oder einen "Anti-Hiob", wie Bert Brecht. Doch keiner von ihnen deutete die tragische Geschichte so zuversichtlich, so voller Unschuld und Poesie wie Joseph Roth in seinem "Hiob. Roman eines einfachen Mannes" (1930).

Selbst ein Ostjude, in Galizien 1894 geboren, schrieb Roth den Leidensweg des armseligen Juden Mendel Singer aus dem Schtetl Zuchnow auf und schuf aus dem eigentlichen Elendsüberdruss ein wahres Meisterwerk der Liebenswürdigkeit.

Der Lehrer Mendel Singer, der so arm ist, dass er nicht mehr weiß, wie er seine Frau und die vier Kinder ernähren soll, wandert nach Amerika aus. Der kleinste Sohn Menuchim muss wegen seiner Behinderung zurück bleiben. Mendel hofft, seinen Sohn bald nach Amerika nachholen zu können. Doch dort trifft ihn das Unglück derart hart, dass es viel einfacher wäre zu sagen, was ihm nicht widerfuhr, als aufzuzählen, was er alles erleben musste. Heimatlos, mittellos, von Gott abgewandt, die Ehefrau und Sohn Schemarjah verstorben, der Sohn Jonas verschollen, die Tochter Mirjam in einer Irrenanstalt - aber Mendel Singer hält an seinem Leben fest. Vielleicht lebt noch sein kranker Sohn Menuchim?

Diesen Gedanken will der alte Singer nicht aufgeben. Und nun? An dieser entscheidenden Stelle gibt sich die Weisheit Joseph Roths - den das Leben aus der Armut des galizischen Brody zunächst in die mondäne Welt Westeuropas führte, um ihn schließlich 1939 in einem Pariser Armenspital zu verlassen - heiter und gelassen: Nur dem, der sich nicht aufgibt, geschieht ein Wunder! Denn dem armen Mendel Singer geschieht ein Wunder: Sein Sohn Menuchim, gesund und erfolgreich, macht ihn nach einer langen Suche ausfindig. "Leg dich, Papa, schlaf ein wenig, ich werde neben dir sitzen... Und Mendel schlief ein und ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder."

Joseph Roth, der selbst kein schwermütiger Grübler, sondern ein impulsiver Erzähler war, gelang es, den tiefsten menschlichen Schmerz mit solch einer heiteren Leichtigkeit zu beschreiben, dass wir die Geschichte des gottesfürchtigen Dulders und Rebellen Mendel Singer nicht wie eine Hiobsbotschaft, sondern wie eine Hymne an die Hoffnung lesen. Denn er kehrt zu Gott zurück, und "auf seinen gebeugten Rücken scheint die erste warme Sonne des Jahres."

Ein Lichtseher war Joseph Roth. Vielleicht deshalb werden seine Bücher so gerne verfilmt. Denn Roths Geschichten sind der beste Beweis dafür, dass auch die große Literatur sich nicht scheut, auf Gewichtigkeit zu verzichten. Dass sie in der Dunkelheit nach Licht sucht.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 18. Juli 2007)