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Juan Rulfo: Pedro Paramo

Juan Rulfos Klassiker über einen Großgrundbesitzer

Von Marina Neubert


Es gibt Bücher, die nicht altern. Dazu gehört auch Juan Rulfos "Pedro Páramo" (1955), ein Klassiker der lateinamerikanischen Literatur. Erzählt wird die Geschichte von Pedro Páramo, dem Großgrundbesitzer und Dorfherrscher im heruntergekommenen mexikanischen Örtchen Comala, die nur auf den ersten Blick eine reale, den Zeitraum von 1870 bis 1920 umfassende Gegebenheit darstellt, aber darüber hinaus zu einem zeitlosen Drama über Tyrannei und Unterdrückung auswächst. Der Roman hat in den vergangenen fünfzig Jahren weder an seiner sprachlichen Qualität, noch an inhaltlicher Aussagekraft eingebüßt.

Es ist kaum zu glauben, aber der mexikanische Regierungsbeamte und exzellente Gelegenheitsfotograf Juan Rulfo (1917-1986) schrieb sich mit diesem schmalen Bändchen, in dem die verstorbenen Unterdrückten ihrem Patriarchen keine Ruhe lassen, weil sie aus ihren Gräbern heraus über seine Untaten sprechen, tatsächlich in die Geschichte der literarischen Moderne ein.

Sein "Pedro Páramo" - die Figur Pedros, des skrupellosen Herrschers, der seinen Reichtum auf verbrecherische Art und Weise gemehrt, mit verschiedenen Frauen Kinder gezeugt und den Vater seiner zweiten Frau ermorden ließ, ist in den Fünfzigerjahren eine Art literarischer Archetypus geworden - ist in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts so etwas wie ein Wegbereiter für viele lateinamerikanische Schriftsteller geworden. Auch für den Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez - für die vor kurzem erschienene und von Dagmar Ploetz neu übersetzte Ausgabe des Romans hat er ein sehr schönes Nachwort geschrieben, in dem er Rulfos Begeisterung für den klaren Realismus gleich neben Kafkas magischer Umwandlungskraft stellt.

"Pedro Páramo", sprachlich gesehen sehr dicht, nur auf das Notwendigste reduziert, hat in der Tat etwas von beidem: Es ist sowohl ein sehr poetisches als auch ein sehr realistisches Werk. Einerseits ist es eine poetische Reflexion, in der die Grenzlinie zwischen Lebenden und Toten verschwindet, eine Art abgebrochener Realismus, der kurz und knapp ins Unwirkliche überführt wird. Andererseits ist es ein Erinnerungsgrab, in dem sich die Figuren zum Ende hin verstecken und von dort aus ihre Botschaften in die Wirklichkeit schicken.

(Die Rezension erschien am 6.2.2009 in der Berliner Morgenpost)