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Katja Oskamp: Die Staubfängerin

Katja Oskamps Eheroman „Die Staubfängerin“ (2007) spielt im staubfreien Raum

Von Marina Neubert

Manchmal passiert etwas auf den ersten Blick Unbedeutendes, eine zufällige Begegnung etwa - und schon hat das Leben eine neue Wendung genommen. Erst im Nachhinein wird dem Zufall ein Sinn zugedacht. Die 37-jährige Berliner Autorin Katja Oskamp ist eine wahre Meisterin darin, das Zufällige und das Flüchtige rechtzeitig zu erkennen. In ihrem kürzlich erschienenen Roman "Die Staubfängerin" rüstet sie die Ich-Erzählerin Tanja, die der Leser bereits aus in ihrem Erstlingswerk "Halbschwimmer" kennt, mit der außergewöhnlichen Fähigkeit aus, dort Staub zu fangen, wo ihn noch keiner sieht. Und genau dafür wird sie am 11. November in der Akademie der Künste den Anna-Seghers-Preis 2007 entgegen nehmen.

Ein zufällig wieder aufgefundener Zettel stößt Tanja Merz in die Vergangenheit zurück, in eine Ehe, von der sie im ersten Satz behauptet, sie habe keine Erinnerung an sie. Sie selbst, von Beruf Regieassistentin, gerät an den zwanzig Jahre älteren Operndirigenten Edgar, genannt der GMD. So richtig Liebe ist das nicht, wohl eher Zuneigung. Sie wird schwanger, und die beiden müssen heiraten. Eigentlich nichts Besonderes, eine zufällige Lebenslage. Doch Katja Oskamp ist eine Meisterin, im Zufälligen das Folgenschwere zu erkennen - aus der unbeabsichtigten Lebenslage, in die ihre Tanja reingerutscht ist, baut sie eine existenzielle Sackgasse. Nach der Geburt der Tochter Paula, die viel zu früh auf die Welt kommt, nimmt Tanjas Leben eine neue Wendung. Paula schwebt zwischen Leben und Tod und beansprucht eine keimfreie Umgebung, die Tanja herstellen muss, während ihr Mann sich in sein Gewächshaus zurückzieht.

Was zunächst noch zum Wohle des Kindes geschieht, verselbstständigt sich von Jahr zu Jahr mehr. Je normaler sich Paula entwickelt, desto stärker wächst sich Tanjas Kampf gegen die Keime zu einem Albtraum aus. Ihr Haus, ja ihr ganzes Leben wird ein einziger Staubfänger. Doch Katja Oskamp ist auch eine Meisterin, im Zufälligen den Weg aus einer Sackgasse zu entdecken: So schließt der spannende Eheroman mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

(Die Rezension erschien am 2. November 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)