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Kenzaburo Oe: Tagame. Berlin-Tokyo

Nach der Trauer folgt das neue Leben - Der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe will in „Tagame. Berlin-Tokyo“ einen Selbstmord begreifen

Von Marina Neubert

Wer einmal die literarische Welt des japanischen Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe, Jahrgang 1935, an sich herangelassen hat, der wird sie nie wieder los. Denn so wie eine große Liebe nie gänzlich vergehen kann, oder auch große Trauer, so bleiben Oes vom Schicksal gezeichnete Figuren, seine faszinierende Naturbilder und von den alten japanischen Mythen lebende Ortschaften im Gedächtnis fest geschrieben.

Bereits 1964 verfasste er sein erstes Meisterwerk "Eine persönliche Erfahrung", ein autobiographisches Zeugnis, in dem ein Vater mit der geistigen Behinderung seines Sohnes zu leben lernt. Bereits in diesem Buch zeichnete sich Oes einmalige Fähigkeit ab, das Grenzland zwischen größter Verzweiflung und größter Hoffnung des Menschen so zu betreten, dass der Mensch dabei seine Würde behält. Ausnahmslos.

Auch Kenzaburo Oes Berliner Roman "Tagame. Berlin-Tokyo" (2000) ist eine Art Hymne an das menschliche Leben, obwohl (oder gerade weil) es vom Umgang mit dem Freitod handelt.

Dem Sujet von "Tagame" liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Oes Schwager Juzo Itami (Goro), ein japanischer Filmregisseur, sprang 1997 aus dem achten Stock eines Bürogebäudes. Im Vorfeld wurde ihm in den Medien eine Affäre mit einer jungen Schauspielerin nachgesagt. Er hinterließ einen öffentlichen Abschiedsbrief, worin er diese Affäre verneinte, und erklärte, nur der Freitod könne seine Unschuld beweisen. Die Ehre auf diese Weise wiederherzustellen, ruht auf einer alten, japanischen Tradition. "Die einzige Farbe ist Blut", erklärte schon einmal der große Yukio Mishima, als er in seiner legendären Erzählung "Patriotismus" (1966) den Leutnant Takeyama ebenso den rituellen Selbstmord begehen ließ, um seine Ehre wiederherzustellen.

"Ich werde mich nun also ins Jenseits aufmachen", ertönt Goros Stimme im Kopfhörer von Kogito, kurz bevor er erfährt, dass sein Schwager sich umgebracht hat. Doch weder Goro selbst, der sich unmittelbar nach diesen Worten in den Tod stürzte, noch der geschockte Kogito brechen das vertraute Gespräch ab. Es geht mit Hilfe von Kassetten weiter, die Goro kurz vor seinem Tod für seinen langjährigen Freund besprochen hatte.

Kogito scheint der Einzige in der Familie zu sein, der mit dem Tod seines Freundes nicht zurechtkommt. Wie besessen hört er sich die hinterlassenen Bänder ab, führt mit Goro verzweifelte Selbstgespräche, taucht in die gemeinsame Vergangenheit hinein. Allzu viel verbindet die beiden miteinander. Nicht zuletzt ihr öffentlicher Protest gegen die japanische Mafia, die Yakuza, aber vor allem der gemeinsame Glauben an das "leicht zerbrechliche Wesen" namens Mensch.

Er will herausfinden, was genau Goros Ehre verletzt und ihn letztendlich in den Tod getrieben hat. Sein offizieller Abschiedsbrief reicht ihm als Begründung nicht aus. Um mehr Abstand zu gewinnen, nimmt er eine Gastprofessur in Berlin an, wo Goro sich vor einigen Jahren in die in Berlin lebende junge Japanerin Ulla Shima verliebt hatte. Doch auch Ulla scheint keine Antwort auf Goros Selbstmord zu wissen.

Ein geliebter Mensch nimmt sich das Leben, und keiner seiner Nächsten darf erfahren, warum? Eine schmerzhafte, tragische Erkenntnis für die Hinterbliebenen. Doch Kenzaburo Oe wäre nicht er selbst gewesen, wenn er seinen Roman mit dieser Botschaft hätte enden lassen. Im Schlusskapitel besucht Ulla Shima Kigitos Frau und Goros Schwester Chikashi. Sie würde bald Mutter werden, sagt sie. Das Kind sei zwar nicht von Goro, doch sie wolle für den Verstorbenen ein neues Kind gebären. Ein neues Leben. Die Trauer um den Toten lässt Oe seine Figuren durch die Liebe zum Leben besiegen.

(Die 48. Folge der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 28. August 2008 in der Berliner Morgenpost)