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Mordecai Richler: Die Lehrjahre...

Trinken und Schreiben – eine Hommage an den kanadischen Autoren-Schelm Mordecai Richler

Von Marina Neubert

Wäre Mordecai Richler noch am Leben, hätte er mit dem aktuellen Rauchverbot ein großes Problem. Seine erste Frau Catherine Boudreault scherzte, im Mund ihres Ex würde sogar im Schlaf eine Zigarette stecken. Und was seine Trinkorgien angeht, so lässt sich der Lebensstil eines der wichtigsten Schriftstellers Kanadas nur mit dem seines amerikanischen Kollegen Norman Mailer vergleichen. Trinken und Schreiben konnten die beiden leidenschaftlichen, von allen gefürchteten Spötter virtuos.

Doch wer ist dieser brillante, explosive Schreiber, von dem der Hollywoodstar Richard Dreyfuss schwärmte, "Der Mann hat mein Leben verändert!"? In der Tat verhalf der 1931 in Montreal geborene Mordecai Richler dem jungen Dreyfuss zu seiner Hauptrolle im Film "The Apprenticeship of Duddy Kravitz" (1974), die ihn berühmt machte. Auch dem Autor selbst gelang sein schriftstellerischer Durchbruch 1959 mit dieser unvergesslichen Schelmenchronik, die über die Jugend eines selbstbewussten, rebellischen jüdischen Teenagers Duddy erzählt und unter dem Titel "Die Lehrjahre des Duddy Kravitz" 2007 endlich auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Mordecai Richler schickte in diesem Roman voller Witz und tragischer Komik seinen aus einfachen Verhältnissen stammenden, doch sehr ehrgeizigen Duddy Kravitz auf eine Reise zu seinem Lebenstraum: Ein Stück Land zu erwerben. Denn, wie sein kluger Großvater Simcha ihm einmal verriet, "Ein Mann ohne Land ist ein Nichts." Um den Traum zu verwirklichen und wirklich Jemand zu werden, war Duddy bereit, alles zu tun: Er kellnerte, handelte mit Flipperautomaten, spielte Roulette, versuchte sich sogar als Produzent.

Obwohl dieser Roman auf keinen Fall biographisch ist, gestand Richler mehrfach, ohne sich dafür zu genieren, dass auch in ihm persönlich "ein bisschen von Duddy" steckte. Er selbst stammte aus der Familie eines Schrotthändlers und verbrachte seine Jugend im jüdisch-orthodoxen Umfeld des ärmlichen Einwandererviertels von Montreal. Gewiss war er überglücklich, als er sein Studium an der Concordia University endlich beginnen konnte, bevor er dann nach Europa ging, um weiter zu studieren. Doch die Menschen und die Nachbarschaft, in welcher er in Montreal aufwuchs, verewigte er später nicht nur in seinem mitreißenden Hauptwerk, sondern auch in den anderen Romanen. Sei es die groteske Familienchronik "Solomon Gursky war hier" (1992) oder der Abenteuerroman "Wie Barney es sieht" (2000), für den Richler den Commonwealth Writers Prize bekam.

"Ich bin Kanadier und Jude, und ich schreibe über beides", antwortete er lakonisch, als er einmal gefragt wurde, worüber er sich definiere. Vielleicht in dieser schlichten Erkenntnis liegt auch die Stärke dieses meistgelesenen Gegenwartsautors Kanadas, der bis zu seinem Tod im Sommer 2001 neben einem Dutzend Romanen auch Drehbücher, Kinderbücher und Theaterstücke verfasste. Richlers Werke erzählen von drei Welten: Der jüdischen, der kanadischen und der dazwischen. Und sie sind voller Leben, genauso wie ihr Schöpfer es einst war.

(Die Rezension erschien am 22. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)