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Mori Ogai: Das Ballettmädchen

Aus tiefstem Unglück wird große Literatur - Mori Ogai musste seiner Berliner Liebe entsagen. In dem Roman „Das Ballettmädchen“ machte er sie unsterblich

Von Marina Neubert

Wie trostlos das Lächeln der Liebe manchmal sein kann, ist uns spätestens seit Franz Lehárs Operette "Das Land des Lächelns" (1923) vertraut, in der ein chinesischer Prinz namens Sou-Chong auf die große Liebe seines Lebens Lisa verzichten muss, und das nur, weil sie eine Europäerin ist. Dem jungen japanischen Studenten Ota Toyotaro, dem Ich-Erzähler aus Mori Ogais zauberhafter Berliner Novelle "Das Ballettmädchen" (1890), erging es nicht anders. Auch in seinem Heimatland Japan war man zu jener Zeit gesellschaftlichen Zwängen dieser Art ausgeliefert. Manche Verliebte bezahlten für solch interkulturelle Vorurteile mit ihrem ganzen Lebensglück.

Ota Toyotaro ist noch ein junger Student an der Juristischen Fakultät in Tokio, als er 1888 im Auftrag einer bekannten japanischen Firma nach Berlin reist. Vom Berlin jener Jahre überwältigt - vom pulsierenden Leben auf der Flaniermeile Unter den Linden, vom alten Schloss, von den vielen Cafés und Restaurants, aber vor allem von den romantischen Stimmungen der Berliner Jugend - verliebt er sich nicht nur in die Stadt, sondern auch in eine junge, bezaubernde Berlinerin namens Elis, die als Tänzerin an einem Theater engagiert ist.

Elis' Liebe zu Toyotaro wird zu ihrem einzigen Lebenssinn. Und Toyotaro selbst, dem diese Verbindung prompt die Stellung in der Firma kostet, scheint das gemeinsame Liebesglück ebenfalls das einzig Wichtige zu sein. Bis eines Tages sein Freund Aizawa Kenkichi ihn überredet, die Liebe zum Ballettmädchen zugunsten der ihm zugedachten großen Karriere in Japan aufzugeben. Ota Toyotaro verlässt seine hochschwangere Geliebte, die vor Kummer seelisch krank wird. Sein Leben lang kann der verzweifelte Japaner seine Schuldgefühle nicht mehr loswerden. So weit die Geschichte.

Hätte Mori Ogai (1862-1922) seine Berliner Novelle erfunden, wäre sie wahrscheinlich weniger traurig. Doch bedauerlicherweise ist sie zum großen Teil autobiografisch geprägt. Auch er, Arzt und Schriftsteller, der Mitbegründer der modernen japanischen Literatur, glänzender Übersetzer von Goethe, Lessing, Kleist und Rilke, der als erster die deutsche literarische Ästhetik in Japan einführte und das Bild Deutschlands wie kaum ein anderer in seinem Land prägte, kam von 1884 bis 1889 nach Berlin, um Medizin bei Robert Koch zu studieren. Auch er verliebte sich - in die Berlinerin Elise Wiegelt - und ehelichte sie. Ebenso verzichtete er auf diese Verbindung, die bei seiner Rückkehr nach Japan einen derartigen Skandal verursachte, dem er, als japanischer Adliger, nicht Stand halten konnte. Auch er kam mit seiner Entscheidung ein Leben lang nicht zurecht.

Als Ogais "Ballettmädchen" 1890 in Japan unter dem Originaltitel "Maihime" in der Literaturzeitschrift "Kokumin no tomo" erschien, wurde sie von der damals jungen Generation der europäisch orientierten japanischen Intellektuellen als Geschichte einer gescheiterten Emanzipation gelesen. Über die persönliche Tragödie hinaus gelang es Mori Ogai, eine allgemeine Problematik aufzugreifen: Das Dilemma der modernen Japaner, sich von der feudalen asiatischen Denkweisen lösen und Anschluss an das neuzeitliche Europa finden zu können. Deshalb ist es kein Wunder, dass viele Japaner auch heute mit dem Namen Ogai zuerst und vor allem seine tragische Berliner Novelle verbinden. In Berlin-Mitte, Ecke Marienstraße, gibt es seit 1989 in Erinnerung an seinen Berlin-Aufenthalts die Mori-Ogai-Gedenkstätte.

(Die 31. Folge der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 11. August 2008 in der Berliner Morgenpost)