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Die Legende von Paul und Paula

Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.

Goethe, radikal verjüngt: Ulrich Plenzdorfs Edgar in „Die neuen Leiden des jungen W.“ stirbt als einsamer Romantiker

Von Marina Neubert

Ein siebzehnjähriger Schlosserlehrling in der Kleinstadt Mittenberg bricht seine Lehre ab, zieht in eine heruntergekommene Gartenhütte, verliebt sich unglücklich in eine Kindergärtnerin, die bereits verlobt ist, und stirbt letztendlich durch einen selbst verursachten Unfall. Kurz und knapp: Jener Edgar Wibeau kommt weder mit sich selbst noch mit seiner Umwelt zurecht. Warum um Himmels willen wurde die Erzählung "Die neuen Leiden des jungen W.", mit der Ulrich Plenzdorf in den Siebzigern im Osten und im Westen Deutschlands bekannt wurde, in mehr als 30 Sprachen übersetzt? Warum hat sie bis heute über vier Millionen Gesamtauflage?

Ganz einfach: Weil Edgars neue Leiden so alt wie die menschliche Welt sind. Weil sie unabhängig von Zeit und Raum bestehen, obwohl Plenzdorf sie geschickt in die DDR-Gesellschaftsstruktur eingewoben hat, was dem Berliner Autoren zu DDR-Zeiten auch einige schlaflose Nächte bereitet hat. Denn Edgar Wibeau, der seine Lehre in einem Volkseigenen Betrieb abbricht, West-Rock hört und Jeans trägt, war alles andere als ein vorzeigefähiger junger Vertreter des "sozialistischen Realismus".

Ursprünglich waren "Die neuen Leiden des jungen W." als Bühnenstück geschrieben und 1972 in Halle (Saale) uraufgeführt worden, das Buch erschien erst ein Jahr später. Der Berliner Autor Plenzdorf, der im August vergangenen Jahres im Alter von 72 Jahren verstorben ist, hat die Geschichte im jugendlichen Jargon der Siebzigerjahre geschrieben.

Doch lassen wir einmal alles Gesellschaftskritische beiseite: Edgars Leiden sind des Werthers Leiden - und sie sind genauso zeitlos, wie bereits Goethes Werther zeitlos ist. Hatte nicht schon Goethes junger Rechtspraktikant vor mehr als 200 Jahren den Stadtrummel aufgegeben, um in ein idyllisches Dörfchen zu entfliehen? Hatte er nicht schon damals ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mitwelt? Gewiss doch! Er fühlte sich - genau wie unser moderner W. - von der Gesellschaft nicht respektiert und als Individuum in seinem Ehrgeiz getroffen. Er suchte ebenso nach einem Ausweg in der Liebe und verliebte sich unglücklich in Charlotte - bei Plenzdorf wird sie Charlie heißen.

Schon Goethes Werther war genauso wie Plenzdorfs Edgar von Hilflosigkeit befallen. Und letztendlich sind sie auch beide daran gescheitert. Das Wesentliche, was sich verändert hat, ist die Erzählform. Denn Edgar Wibeau sitzt nicht unter einem Baum und schreibt Briefe à la Goethes Werther oder sein Vorgänger, Rousseaus Saint-Preux, sondern er öffnet seine Seele dem Freund Willi - via Tonbandgerät: "kurz und gut / wilhelm / ich habe eine bekanntschaft gemacht / die mein herz näher angeht - einen engel - und doch bin ich nicht imstande / dir zu sagen / wie sie vollkommen ist."

Charlie, die Kindergärtnerin. Aber sie ist schon verlobt und heiratet ihren Dieter. Edgar gibt nicht auf, kämpft um sie, beginnt mit ihr eine Liebesaffäre, die rasch endet. Er ist enttäuscht, verzweifelt. Ohne Arbeitsstelle, ohne Geld, ohne Liebe und Zutrauen beschließt er, ein nebelloses Farbspritzgerät zu erfinden. Da aber seine Gartenlaube bald abgerissen werden soll, muss er sich beeilen und das halbfertige Gerät ausprobieren. Er gerät in den Stromkreis und stirbt.

Edgar Wibeau ist mit Sicherheit eine tragische Figur. Und zugleich eine exemplarische: Ein romantischer Held, der an Einsamkeit, an Mangel von Zuneigung scheitert - mag es unerwiderte Liebe gewesen sein oder etwas anderes. Das Geniale und Todtraurige bei Plenzdorf ist, dass er zeigen konnte, wie dieses Schicksal einen ganz jungen Menschen in einer vermeintlich modernen Gesellschaft einholte - und keiner ihm beistand.

(Der Text erschien als Folge 13 der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ am 24. Juli in der Berliner Morgenpost)