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Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben...

Die zwei Gesichter eines Schriftstellers

Nobelpreisträger Alexander Solschenizyns mutige Novelle „Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch“ (1962)

Von Marina Neubert

Es gibt zwei Solschenizyns. Der eine ist Humanist und unerschrockener Kämpfer für Menschenrechte, der 1974 für seine Wahrheit über das sowjetische Lagersystem, insbesondere für den Roman-Bericht "Der Archipel GULAG", aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde. Und es gibt den anderen Alexander Solschenizyn, der seit 1994 mit seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil in die Heimat zum Kremlbefürworter und zur autoritär-moralischen Leitfigur der russischen Nationalen wurde.

Diese Wendung im Leben des 89 Jahre alten Schriftstellers und Nobelpreisträgers, der nun auf seiner Datscha in der Nähe von Moskau lebt, bietet viel Raum für Mutmaßungen. Es ist kaum vorstellbar, dass der Autor der großartigen Lagernovelle "Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch", die mit ihrem Erscheinen 1962 eine neue Ära in der Sowjetunion in Aussicht stellte und den Beginn des Wahrheitsagens über die stalinsche Terrormaschinerie weltweit ankündigte, und der Autor des neuesten Werks "Zweihundert Jahre zusammen" (2002-2004) über die russisch-jüdische Geschichte, ein und dieselbe Person ist.

In "Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch" spricht zu uns ein Menschenrechtler, der bereits in den vierziger und fünfziger Jahren heimlich seine Lagererzählungen verfasst hatte. Als die Novelle 1962, mitten in Chruschtschowscher Tauwetter- und Entstalinisierungspolitik, erscheinen durfte, kamen in der sowjetischen Intelligenzija erste Hoffnungen auf eine gewisse Liberalisierung auf. Und dabei war "Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch" kein sensationelles Enthüllungsbuch, sondern eine sachliche, mikroskopisch genaue Untersuchung eines Tages aus dem sibirischen Lageralltag.

Während andere Autoren die Abartigkeit des Lagerlebens hervor hoben, schilderte Solschenizyn kommentarlos einen gewöhnlichen Lagertag, den Iwan Denissowitsch, als er nach dem Abendappell auf seiner Pritsche liegt, als einen beinahe glücklichen Alltag empfindet. Ein mutiges, schonungslos wahres Buch, ein echter Ausdruck einer für den sowjetischen Autor der sechziger Jahre beispiellosen Tapferkeit.

Vierzig Jahre später nun, in seinem Nationalopus "Zweihundert Jahre zusammen" offenbart sich Alexander Solschenizyn auf einmal als ein erzkonservativer, intoleranter Slawophile, der mit antisemitischen Feindbildern operiert. Mit einem Mal ordnet er Menschen, für deren humane Rechte er immer zu kämpfen schien, unterschiedlichen "Rassen" zu. Ein gewaltiger Widerspruch! Umso mehr, da Solschenizyn für sich als Schriftsteller immer schon ein Sittengesetz formulierte: "Nicht nach der Lüge leben." Also, wer hat nun sich selbst getäuscht: Der erste oder der zweite Solschenizyn? Ein großer Schriftsteller, der Solschenizyn zweifellos immer war, lässt sich bedauerlicherweise nicht nur durch humane Gesinnung seiner früheren Werke definieren, sondern auch durch die Verantwortung für den Missbrauch, den sein Spätwerk ermöglicht.

(

Aus der Berliner Morgenpost vom 17. August 2007)