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Aner Shalev: Dunkle Materie

Aner Shalev Foto: privat

Liebe auf der Durchreise - Aner Shalevs Roman „Dunkle Materie“ (2007) ist Adam und Eva auf der Spur

Von Marina Neubert

Was wäre wohl geschehen, wenn Adam und Eva nicht aus dem Garten Eden verstoßen worden wären? Wahrscheinlich hätte dann kein weiteres Liebespaar der Menschheitsgeschichte die Kraft der mysteriösen Dunklen Materie am eigenen Leibe erfahren müssen, wie der israelische Autor Aner Shalev in seinem neuen Roman "Dunkle Materie" andeutet.

Doch bedauerlicherweise wütet sie bereits seit Jahrtausenden im Universum und sorgt für schwarze Löcher in den menschlichen Beziehungen. Shalev, der zu den bedeutendsten Mathematikern Israels zählt, bedient sich einfühlsam astrophysikalischer Theorien über dieses Phänomen, um die Gesetze des Zerstörerischen zu zeigen. Als Beispiel dienen ihm seine leidgeprüften Protagonisten, die nicht zufällig Adam und Eva heißen.

Sie: Eine junge russische Physikerin, die nach Israel ausgewandert ist. Er: Ein um zwanzig Jahre älterer israelischer Diplomat in New York. Ihre Beziehung beginnt mit einem Autounfall in Jerusalem. Die vier folgenden Liebeswochen werden in New York fortgesetzt. In einem Hotel am Washington Square - es muss wohl das gleiche Hotel gewesen sein, in dem schon Ingeborg Bachmann in ihrem "Guten Gott von Manhattan" zwei Liebende sich zurückziehen ließ - bemühen sich Shalevs Adam und Eva, den Zauber eines gemeinsamen Monats in Jerusalem in die Gegenwart von New York zu übertragen. Doch die Romanze endet mit Evas missglücktem Abtreibungsversuch. Adam kehrt mit ihrem weißen Kleid in einer blauen Tüte verzweifelt aus dem Krankenhaus ins Hotel zurück.

Eine Katastrophe, die weder rational begründbar noch emotional nachvollziehbar ist. War es wieder einmal die Dunkle Materie, die auch diese Liebesbeziehung in sich absorbierte? Ja und nein. Denn auf den ersten Blick geht es Shalev tatsächlich um das bedrohte Verhältnis von Mann und Frau. Doch auf den zweiten, genaueren Blick entdeckt man in diesem gekonnt strukturierten Roman das immer wieder auftauchende, stark ausgeprägte Thema der Durchreise: Eva reist aus St. Petersburg nach Jerusalem, um dort vergebens nach einem neuen Zuhause zu suchen. Adam reist aus den USA nach Israel, weil er sich weder dort noch hier heimisch fühlt. Eva reist nach New York, um ihr Glück zu leben und setzt stattdessen ihr Leben aufs Spiel. Adam reist zurück nach Hause, um seiner Frau Ruth ein Geständnis zu machen und versagt.

Das Motiv der missglückten Durchreise scheint in Shalevs Buch eine noch größere Auswirkung auf das Schicksal der Figuren zu haben, als die Dunkle Materie selbst. Adam und Eva ziehen durch die halbe Welt - ohne zu wissen, wo sie wirklich hingehören. Vielleicht seit dem Augenblick, als der Mensch sein erstes Zuhause im Garten Eden verlassen musste, ist er a priori heimatlos geworden? Die Einen verspüren es weniger, die Anderen, wie der Israeli Aner Shalev, der genauso wie sein Cousin Meir Shalev in seinem letzten Roman "Der Junge und die Taube" um die Existenz seines Staates bangt - mehr. Deshalb wird es wohl auch kein Zufall sein, dass auf dem Cover der hebräischen Ausgabe der "Dunklen Materie" ein zerstörtes Haus abgebildet ist.

(Die Rezension erschien am 18. April 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)