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Annemarie Schwarzenbach: Eine Frau zu sehen

Im Lift begegnet sie ihrer Liebe - Die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach offenbarte sich 1929 mit der Novelle "Eine Frau zu sehen"

Von Marina Neubert

Wäre diese kluge, wunderschöne Schweizerin, die am liebsten Männerkleidung trug, ein Mann gewesen, hätte sie nicht Annemarie Schwarzenbach, sondern genauso gut auch Gustav Aschenbach heißen können. Die Endung "Bach" dürfte natürlich rein zufällig gewesen sein, nicht aber die Gefühlsregungen, die das Innenleben der beiden Künstler sinnverwandt bestimmten.

Der Schriftsteller Gustav Aschenbach aus Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig", der sein Leben lang versuchte, sich von den großen Leidenschaften fern zu halten, ging letztendlich an der unerfüllbaren Liebe zum schönen Knaben namens Tadzio zu Grunde. Die Seidenfabrikantentochter, Schriftstellerin und Reisereporterin Annemarie Schwarzenbach, die ihr kurzes Leben lang versuchte, mit ihrer Liebe zu Frauen trotz aller Ablehnung in der Gesellschaft umzugehen, starb im Alter von nur 34 Jahren nach einem Fahrradunfall in ihrem Haus in Sils.

Als Thomas Mann seine literarische Figur Aschenbach zum Tode verurteilte, mochte seine spätere Bewunderin und vor allem engste Freundin seiner Kinder Erika und Klaus, die kleine Annemarie, nicht älter als drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Doch schon knappe siebzehn Jahre später wird die Ich-Erzählerin aus ihrer 1929 geschriebenen Novelle "Eine Frau zu sehen" von einer blitzartigen Leidenschaft erfasst, deren Gefühlsintensität nur mit der eines reifen Gustav Aschenbachs zu vergleichen ist.

Die blutjunge Ich-Erzählerin in der erst vor kurzem im Schweizerischen Literaturarchiv wieder entdeckten Novelle verbringt ihren Winterurlaub in einem luxuriösen Skikurort. In einem Lift begegnet sie dort der um viele Jahre reiferen Ena Bernstein. Der leuchtende Blick dieser Frau, die kaum wahrnehmbare Neigung ihres Kopfes, sogar ihr weißer Pelzmantel bestimmen ab nun endgültig ihr sexuelles Selbstverständnis. Die Leidenschaft bricht aus. Der Countdown des Wartens auf eine zufällige Begegnung in der Hotellobby beginnt. Wie in der langsamen Variation eines Musikstücks lässt Schwarzenbach die Spannung dieses Wartens erzählerisch sehr behutsam ansteigen - bis es endlich zum ersehnten Finale kommt.

Während ihr literarisches Vorbild Thomas Mann, letztlich ein Gefangener der eigenen Konventionen, seinen in homophiler Liebe entbrannten Gustav Aschenbach "entwürdigend" sterben lässt, dokumentiert die 21-jährige Annemarie Schwarzenbach auf knappen sechzig Seiten das eigene Coming-Out. Für die damalige Zeit, für ihr eigenes, sehr konservatives familiäres und gesellschaftliches Milieu zweifellos ein mutiger Schritt. Trotz eines "Netzes von Beobachtung und Gerede", trotz der "offenen und verdeckten Anspielungen der Leute", denen sie in den Hallen der großen Hotels und auf den schicken Skipisten von St. Moritz begegnet, steuert die Ich-Erzählerin ebenso bewusst wie entschlossen auf eine Art sozialer Ausgrenzung zu - alles, um eine Frau lieben zu können.

Ein Jahr später entbrannte auch die erste große, leidenschaftliche Liebe der Autorin selbst - zu ihrer Freundin und Vertrauten Erika Mann. Schwarzenbachs starkes Gefühl wurde zum größten Teil nicht erwidert, nichtsdestotrotz sind die beiden Frauen eng befreundet geblieben. Zusammen mit Erika und Klaus versuchte Annemarie Schwarzenbach das Berliner Literaturleben zu erobern, nachdem sie im Herbst 1931 in die Stadt kam. Eines ihrer feinsten Werke, die "Lyrische Novelle", entstand 1933 in Charlottenburg, kurz bevor sie sich von ihrer geliebten, ins Exil getriebenen Erika trennen musste.

(Die Rezension erschien 27.06.2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)