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Antoine de Saint-Exupery: Der kleine Prinz

In jedem von uns lebt der kleine Prinz: Der französische Autor, Pilot und Frauenheld Antoine de Saint-Exupéry schrieb ein Buch über die eigene Einsamkeit

Von Marina Neubert

In jedem lebt die Einsamkeit. Und mit ihr auch die Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe. Der beste Beweis dafür ist der Welterfolg der Geschichte über einen kleinen Jungen mit struppigen Haaren, der auf einem Stern mitten im Nachthimmel steht und sich nach Nähe sehnt. Genauso wie sein Erfinder, der französische Autor und Pilot Antoine de Saint-Exupéry, der durch die Welt flog, heimatlos, einsam und ebenso von Nähe träumte.

Die Annahme, er habe den kleinen Prinzen erst mit zweiundvierzig erfunden, nach der Begegnung mit einem Beduinen aus Libyen, der ihm nach dem Flugzeugabsturz in der Wüste das Leben rettete, ist ungenau. Denn er hatte die bekannte Zeichnung mit der Riesenschlange, mit der "Der kleine Prinz" beginnt, bereits mit sechs Jahren gemalt. Als er sie seiner Mutter zeigte, winkte sie ab, es sei keine Riesenschlange, die einen Elefanten verschlang, sondern ein Hut - und er, der Schuljunge Antoine, solle sich lieber für die Grammatik interessieren.

Dies war der Beginn der Einsamkeit des kleinen Antoine de Saint-Exupéry. Und dies war die Geburt des kleinen Prinzen, sechsunddreißig Jahre vor der Niederschrift des berühmten Buches.

Ein Motorschaden hat den Flugzeugpiloten gezwungen, in der menschenleeren Wüste notzulanden. Dort besucht ihn der kleine Prinz von einem anderen Stern, wo die empfindliche und launische Rose blüht und zwei Vulkane zum Aufwärmen des Frühstücks dienen. Auf seiner Reise durchs Sonnensystem war der Junge bereits einem Fuchs begegnet und hatte von ihm eine große Weisheit gehört: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Doch die wichtigste Erkenntnis sowohl für ihn als auch für den Piloten wird ihre gemeinsame Freundschaft sein. Ihre Nähe und Vertrautheit wird ihre Einsamkeit auf der Erde heilen. Bis der kleine Prinz auf seinen Planeten zurückkehren und der Pilot sich von ihm verabschieden muss, in der Hoffnung, er werde ihn eines Tages wieder sehen. Ein bewegendes, sehr kluges Märchen.

Doch worin liegt das Geheimnis seines literarischen Welterfolgs? Warum wurde das Buch bereits in 180 Sprachen übersetzt? Es gibt andere, ebenso kluge, wundervolle Märchen, wie "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll beispielsweise. Doch "Der kleine Prinz" besitzt eine ihm eigene, unverwechselbare Strahlkraft. Seine Magie liegt in der Wahrheit des Autors, der unsere eigene Wahrheit offenbart: Der Mensch ist einsam. Er sehnt sich nach seinem kleinen Prinzen.

Antoine de Saint-Exupéry, leidenschaftlicher Flieger, Frauenheld, Draufgänger fürchtete sich nicht, der Welt mitzuteilen, wie einsam er war und wie sehr er sich nach Nähe sehnte. Seine Freunde erkannten dies und deuteten in ihren Briefen an, dass dem armen Antoine sein früh verstorbener Vater fehlte, dass ihn der unterkühlte Charakter seiner Mutter und der Verlust seines jüngeren Bruders quälten.

Und letztendlich, dass er sich vor seinem eigenen Tod fürchtete. Denn "Der kleiner Prinz" ist auch eine Geschichte vom Abschied. Ein Jahr nach der Erstveröffentlichung, am 31. Juli 1944, startete Antoine de Saint-Exupéry zu seinem letzten Aufklärungsflug und kehrte nicht mehr zurück.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 15. Juli 2007)