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Arthur Schnitzler: Traumnovelle

Sigmund Freud und sein Doppelgänger - Der Autor und Dramatiker Arthur Schnitzler offenbart in seiner „Traumnovelle“ (1925) die geheimen Wünsche eines Ehepaars

Von Marina Neubert

Man sagt den Amerikanern nach, jeder Dritter gehe zum Psychoanalytiker. Auch in Deutschland gehen viele zur Analyse, aber sie sprechen nicht an jeder Ecke darüber. Denn die Psychoanalyse ist hierzulande keine Mode, eher ein gesellschaftlich respektierter Ausnahmezustand. Anders als um 1900, als die "Traumdeutung" Sigmund Freuds auf den Markt kam und das kommende 20. Jahrhundert wie kein anderes Buch prägte.

Alles Wissende, Denkende, Schreibende, Komponierende, Malende in Wien zwischen 1890 und 1910 drehte sich um Freuds Psychoanalyse, die kein sexuelles und kein familiäres Tabu mehr gelten ließ. Doch nur einen einzigen Künstler der Wiener Moderne hatte Sigmund Freud selbst als seinen "wahren Doppelgänger" bezeichnet: Arthur Schnitzler.

Als Arzt kam der angehende Erzähler und Dramatiker bereits in den 1890er Jahren mit der gerade entstehenden Psychoanalyse in Berührung. Freuds Untersuchung der Träume lehrte auch ihn, die Menschenseele anders zu sehen, wahrlich nicht besser, nicht höher, sondern abgründiger, dunkler. Das, was ihn unter den anderen bedeutenden österreichischen Autoren im Nachhinein auszeichnete, war dieser psychologisch präzise Zugriff auf die Figuren - als hätten sie alle einmal auf seiner Schriftstellercouch gelegen.

In der "Traumnovelle" (1925) geriet ein junges, scheinbar glückliches Ehepaar ebenso auf Schnitzlers Couch: Er führt die beiden in einen schwerelosen Raum zwischen Traum und Wirklichkeit, wo sie ihren geheimen Wünschen begegnen. Wie wäre es, ein anderer zu sein? Eine Maske zu tragen, um etwas Verbotenes zu tun und dabei unerkannt zu bleiben? Schnitzler lässt Fridolin und Albertine in einer einzigen Nacht den Reiz einer untersagten Welt erfahren. Und jeder erfährt ihn auf seine Art. Fridolin lässt sich auf mysteriöse Weise in eine orgiastische Gesellschaft führen, und Albertine gibt sich im Traum einem zufälligen Bekannten hin und sieht zu, wie sich ihr Mann für seine Treue zu ihr kreuzigen lässt.

Geschieht das alles in traumhafter Wirklichkeit? Oder ist es nur ein wirklichkeitsnaher Traum der beiden? Schnitzler lässt diese Fragen offen. Er deutet lediglich an, dass Fridolin und Albertine sich von ihren verbotenen Wünschen nur in der Traumwirklichkeit befreien können, um in der Realität miteinander glücklich zu sein. Und was geschieht in der Realität selbst? In der Realität klingelt der Wecker, das Dienstmädchen klopft an, und es ist alles in bester Ordnung.

Wo verläuft die Grenze zwischen dem Traum und dem klingelnden Wecker? Wann hört die Phantasie auf und wann beginnt die Realität? Jahrzehnte später wird der Schweitzer Max Frisch im Roman "Mein Name sei Gantenbein" diese Frage konsequent zu Ende denken. Auch der Amerikaner Stanley Kubrick wird in der Verfilmung der "Traumnovelle" unter dem Titel "Eyes Wide Shut" (1999) mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen seine Lösungen anbieten. Doch Arthur Schnitzler war der Sohn einer anderen, höchst labilen und widerspruchsvollen Epoche. Deshalb war auch seine Aufgabe eine andere: Die feinsten Verästelungen der menschlichen Seele zwischen zwei Welten zu schildern - und sie nicht aufzulösen. Seine Figuren sind meist Schutzbedürftige, die eine Zuflucht in den Träumen suchen, wohl wissend: Die erhoffte Zuflucht ist illusorisch, vorübergehend. Denn sogar die schönsten Träume bleiben bei Schnitzler nichts als ein Traum.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 30. Juli 2007)