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Boris Saidman: Hemingway und die toten Vögel

Ringen um die eigene Identität – „60 Jahre Israel“: Boris Saidman, Schriftsteller aus Tel Aviv, las zum Auftakt der deutsch-israelischen Reihe im April 2008 in Berlin

Von Marina Neubert

Noch bevor am 14. Mai die politischen Geburtstagsglocken läuten, finden sich Literaten zum Dialog in Berlin ein: Zu der von ihm initiierten und vom Botschafter des Staates Israel Yoram Ben-Zeev unterstützten "Deutsch-israelischen Literaturreihe" unter dem Motto "60 Jahre Israel - Israelische Literatur im Auswärtigen Amt" lud Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Nachdem Katharina Hacker vor drei Monaten Ausschnitte aus ihren Werken "Eine Art Liebe" und "Überlandleitung" vorgestellt hatte, startete am Dienstag der israelische Teil der Reihe: Der 45-jährige Schriftsteller Boris Saidman aus Tel Aviv las aus seinem Roman "Hemingway und die toten Vögel".
In seiner Einführung erläuterte Gastgeber Frank-Walter Steinmeier, dass Boris Saidman für eine neue Entwicklung in der israelischen Literatur stehe. Jene Autoren setzen sich nicht mehr in erster Linie mit Holocaust und Verfolgung, sondern mit den Schwierigkeiten der Einwanderung auseinander. Bedauerlicherweise wurde dieser symbolische Auftritt Saidmans im Auswärtigen Amt nicht weiter thematisiert. Trotz der kompetenten Bemühungen von Moderatorin Gabriela Hermer, die mit Saidman zwischen den Lesepassagen genau diesen Aspekt zu erläutern versuchte, blieb das geladene Publikum dieser Problematik fern.
Boris Saidman gehört zur Generation der Einwanderer-Kinder aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich als Olim Hadashim gegenüber der einheimischen Sabras nach wie vor behaupten müssen. Als Dreizehnjähriger kam er 1976 mit seinen Eltern aus Kischinjow nach Israel. Er studierte an der Bezalel Academy of Art und Design und arbeitet seit Jahren als erfolgreicher Art Director. Mit seinem Debütroman ist Saidman zu einem viel gelesenen Autor in Israel avanciert. Doch nicht desto trotz gesteht er: "Egal, wie wunderbar integriert ich bin, ich bleibe für die einheimischen Israelis ein Russe."
Abseits des Friedensprozesses im Nahen Osten ringt seine Generation um ihre israelische Identität. In der Auseinandersetzung mit der Frage "Wer ist ein echter Israeli?" - vor allem in Prosa und dramatischen Werken solcher Autoren wie Samuel Borenstein, Udi Baruch, Rina Bashau - wird in den letzten Jahren eine neue israelische Identität geformt und gefestigt. Auch im Roman Boris Saidmans, dem es auf knappen 240 Seiten gelingt, durch seine klugen Beobachtungen und humorvollen Zuspitzungen das psychologische Innenbild eines "neuen Israeli" vielschichtig zu skizzieren.
In den folgenden Veranstaltungen der "Deutsch-israelischen Literaturreihe" im Sommer und Herbst werden Schriftsteller wie Amos Oz, David Grossman oder Assaf Gavron, die zurzeit zu den ins Ausland meist geladenen literarischen Friedensprozessexperten aus Israel zählen, aus ihren neuen Werken lesen. Außerdem werden am 6. Mai junge deutsche und israelische Autoren zwei "literarische" Nationalteams bilden und auf dem Olympiagelände im Fußball gegeneinander antreten. Anschließend gehen die angehenden Schreiber, wie der Geologe Yoav Avni, der Schauspieler Yali Sobol oder der in Israel bekannte Sportreporter Uri Sheradsky, gemeinsam mit Moritz Rinke, Albert Ostermeier, Ralf Bönt auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters, um aus ihren Werken vorzutragen. Es bleibt zu hoffen, dass dabei der Dialog zwischen den Israelis und ihrem deutschen Publikum mehr Chancen haben wird als in einer üblichen Lesung.
Die Auseinandersetzung, das Gespräch ist eben keine Selbstverständlichkeit. Das hat uns schon vor vielen Jahren ein bekannter jüdischer Schriftsteller in humorvoller Deutlichkeit vor Augen geführt: "Was willst du noch von mir?", fragte einmal Scholem Alejchems Tewje, der Milchmann, seine Tochter Golda, "Ich habe dir doch schon alles gesagt!" "Na, sprechen mit dir!", antwortete sie.

(Erschienen am 24. April 2008 in der Berliner Morgenpost)