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Burkhard Spinnen: Mehrkampf

Das Scheitern eines Zehnkämpfers - In „Mehrkampf“ (2007) versucht sich Burkhard Spinnen zum ersten Mal an einer Krimigeschichte

Von Marina Neubert

Wer fährt schon von Berlin nach Potsdam über Los Angeles? Aber es gibt Menschen, die tatsächlich einen großen künstlerischen Aufwand betreiben, um ein Ziel zu erreichen, das direkt vor ihrer Haustür liegt. Wenn jemand dabei seine kostbare Zeit verspielt, dann ist es schon traurig. Die Zeit eines Autors wie Burkhard Spinnen mag kostbar sein. Sie ist außerdem sein Markenzeichen. Denn der literarische Schicksalsforscher aus Münster beherrscht - bei aller Nachdenklichkeit - die faszinierende Fähigkeit, seinen Leser mitten ins Geschehen hineinwerfen zu können - ohne eine einzige Sekunde zu verschwenden.

Nun dürfen sich die Leser über seinen neuen Roman "Mehrkampf" aufregen. Nicht, weil er zum ersten Mal in seinem Leben einen Roman im Krimi-Genre verfasst hat. Es gibt auch andere literarisch anspruchsvolle Werke, die ein Verbrechen und seine Aufklärung ins Zentrum stellen. Letztendlich ist Stanislaw Lems "Vom Himmel in die Hölle", die psychologisierende Geschichte über einen alternden Ex-Astronauten, nichts anderes als ein Krimiklassiker.

Und der Anspruch von Burkhard Spinnen, ein wichtiges Thema im Kriminalsujet zu behandeln, ist allemal legitim. Im "Mehrkampf" dreht sich alles um das Attentat auf den Olympia-Teilnehmer Roland Farwick in Los Angeles 1984. Doch anstatt das reale tragische Ereignis von 1988, als Jürgen Hingsens den Olympiasieg verpatzte, dafür zu nutzen, die präzise Geschichte einer starken Figur zu erzählen, die scheitert und sich nicht traut, sich diesem Scheitern zu stellen, schmiedet Spinnen einen aufgeblähten Plot über den Zehnkämpfer Farwick und einen Kommissar namens Ludger Grambach, der natürlich auftauchen muss, um den Attentatsfall zu lösen. Zwei Mittvierziger hadern auf fast 400 Buchseiten mit dem Älterwerden.

Als Burkhard Spinnen noch Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs war, sagte er über einen der Wettbewerbstexte: "Schade, dass bei dem Text, der so eine starke Hauptfigur hat, auch in die Köpfe der anderen hineingeguckt wird." Bedauerlich auch für die Hauptfigur in seinem neuen Roman. Dabei verdanken wir dem Autor mit "Langer Samstag" einen wichtigen Roman der Singlegeneration, darüber hinaus den bewegenden Kinderroman "Belgische Reisen" sowie den wundervollen Erzählband "Der Reservetorwart".

Spinnen hat sich immer für Individuen in Extremsituationen interessiert. Wie geht ein Mensch mit einer Lebenskrise, mit dem eigenen Versagen um? Was soll ein Weltklassesportler mit seinem Leben anfangen, nachdem er nach zwei Übertritten im Weitsprung seine ganze Identität an den Nagel hängen muss? Anstatt in dieser Frage zu ermitteln, beschäftigt sich der Autor in "Mehrkampf" lieber mit Krimispielchen im Internet - und tut letztendlich nichts anderes, als von Berlin nach Potsdam über Los Angeles zu fahren, ohne sein Ziel zu erreichen.

Weder die Aufklärung des Attentats auf Farwick noch die konstruierte Computerspielewelt, in der sich die beiden Protagonisten gegenseitig bekämpfen, führen zur Vertiefung. Hätte Burkhard Spinnen seine kostbare Zeit nicht für einen Pseudokrimi verschenkt, wäre es womöglich eine große Geschichte des Scheiterns geworden.

(Die Rezension erschien am 30. November 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)