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Franziska Sperr: Revier der Amsel

Entführung eines Babys: Franziska Sperr beschreibt in "Das Revier der Amsel" ein einsames Leben

Von Marina Neubert

Die Amsel gilt als Individualistin mit einem sehr starken Bewusstsein für ihr Revier. Wenn sie es im Winter - zwecks Paarung - doch noch kurzfristig aufgeben muss, dann versucht sie es nach der Rückkehr sofort wieder in Besitz zu nehmen. Um jeden Preis.

In Franziska Sperrs Debütroman "Das Revier der Amsel" tritt der eigenwillige Vogel gleichnishaft in Gestalt eines Menschen auf. Es ist eine zurückgezogene Frau, eine verschlossene, ganz und gar in sich hinein lebende. Ihr Name ist Klara Schwartz. Und ihr Revier ist das einsame Leben, das ihr eines Tages entgleitet, nach einem jahrelangen, zermürbenden Prozess.

Es beginnt in der Kindheit - die kleinen Eifersüchteleien mit ihrer "perfekten" Schwester Sonja um den Nennonkel Bert, den Klara vergöttert, der aber immer nur Sonja mit zum Skifahren nimmt. Dann der Tod ihrer Mutter, die auf grausame Art und Weise überfallen wurde, als Klara noch ein Teenager war. Dann die zunehmende Sehnsucht nach der Aufmerksamkeit des Vaters, eines viel reisenden, mit sich selbst beschäftigten Pianisten, zu deren dunklem Musikzimmer Klara keinen Zutritt hat. Es folgt die jahrelange, mühselige Pflege des alten Vaters. Und schließlich ein völlig vereinsamtes Dasein im alten Münchener Familienhaus, nachdem sie ihren Vater in ein Pflegeheim bringen musste.

Als einen Liebling des Schicksals kann man Klara wahrlich nicht bezeichnen. Und sie weiß es auch. Sie weiß, dass ihr Leben nichts anderes als "eine einzige große Erschütterung" ist, doch nichts desto trotz hofft sie, es wenigstens leben zu können. Bis sie auf einmal - eher spontan als geplant - erkennt, dass ihr Revier gefährdet ist. Die größte Gefahr birgt ihr plötzlicher Wunsch, mehr haben zu wollen: Einen Partner. Und was macht Klara? Sie verliebt sich in jemanden, der völlig unerreichbar ist: In einen bekannten Politiker in der Nachbarschaft, mit Frau und Kind. Er weiß nicht einmal ihren Namen, als sie sein Baby entführt. Am nächsten Morgen bringt sie es unversehrt zurück und landet selbst in einer Klinik für Psychiatrie.

Auf ihre Pfleger und einen gewissen Dr. Schöpf angewiesen, der sie unbedingt "heilen" möchte, hat Klara Schwartz wenigstens eines erreicht: Sie hat sich ihr einsames Revier wieder zurückerobert. Was für ein hoher Preis für die ruhelose Amsel! Von nun ab hat sie kaum noch Chancen, ihr Leben in andere Bahnen lenken zu können. Die Richtung ist vorgegeben - sie bleibt in der Klinik. Franziska Sperr lässt sie dort in der Ich-Perspektive in ihre Phantasiewelt flüchten. Während das reale Leben draußen bleibt und sich - genauso wie die abwechselnden Kapitel des Romans - parallel zu Klaras Erinnerungen abspielt. Dort in der Wirklichkeit, erzählt die Autorin, möchte die in Wien mit ihrem Mann Ivo lebende Schwester Sonja das Elternhaus in München verkaufen.

Klaras Schicksal, ihr Scheitern, ihr Unglück sind die eines Menschen. Doch ihr Verhalten gleicht dem eines Vogels. Sperrs metaphorische Übertragung der Handlungsweisen eines mutlosen Tiers auf die Verzweiflungstaten einer nicht weniger mutlosen Frau ist bemerkenswert: Das Bild einer Vereinsamten, die den letzten Versuch unternimmt, ihr einsames Revier - das einzige Leben, was sie bisher kannte - zu retten, ist stimmig. Es ist in eindrucksvoller Klarheit und Lakonie erzählt - und frei von jeglichen sentimentalen Klischees.

(Die Rezension erschien am 30.1.2009 in der Berliner Morgenpost)