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Isaac Bashevis Singer: Yentl

Das Mädchen mit dem Jungennamen - Der jiddisch-amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer schrieb den Kurzroman „Yentl“

Von Marina Neubert

"Wo ist mein Platz?", musste sich das fünfzehnjährige Mädchen aus dem galizischen Stetl Dobromil gefragt haben, als ihre Eltern verstorben waren und sie mittellos zurückblieb, ohne Heiratsaussichten, ohne Zukunft. Sie war behindert, was keine gute Voraussetzung für eine junge Frau im beginnenden 20. Jahrhundert war, um ein traditionelles jüdisches Leben zu führen. So entschloss sie sich, ihr Mädchensein aufzugeben. Sie verkleidete sich als Junge und ging in ein anderes Stetl, um dort bei einem Schuster einen Beruf zu erlernen. So lautet die Legende vom Mädchen aus Dobromil.

Ob der jiddisch-amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, Autor der berühmten Verkleidungsgeschichte "Yentl", diese Legende schon als Junge gehört hatte, ist ungewiss. Gewiss ist jedoch, dass er sich die gleiche Frage, wie das Mädchen aus Dobromil, sein Leben lang selbst stellte und sie in seinen Werken zu beantworten versuchte. Wo war sein Platz? In einer Rabbinerfamilie im polnischen Radzymin geboren, erhielt er eine orthodoxe jüdische Erziehung und besuchte das Rabbinerseminar, um selbst Rabbiner zu werden. Einerseits. Und auf der anderen Seite begann er gleichzeitig für ein weltliches Literaturmagazin zu arbeiten und schwängerte eine Frau, ohne sie zu heiraten.

Die Antwort auf seine Frage schien er 1935 gefunden zu haben: Er wanderte - einen unehelichen Sohn zurücklassend - nach New York aus und fing dort ein Leben als freier Schriftsteller an. Er schrieb Geschichten, die sich meist in dem ostjüdischen Milieu abspielten und die immer wieder die gleiche Frage stellten: Wo gehöre ich hin? Singer selbst, einsam und zurückgezogen, pendelte bis zum Lebensende zwischen seiner ostjüdischen, frommen Innenwelt und seiner amerikanischen, mondänen Außenwelt. Nur ein literarisches Zuhause hatte er, in den Büchern.

Genauso wie seine Yentl. Ein Zuhause hatte das unscheinbare, dürre Mädchen aus einem ostjüdischen Stetl nur in den alten jüdischen Schriften. Ihr Vater unterrichtete sie heimlich, was nach dem jüdischen Glauben verboten war. Nach seinem Tod verkleidete sie sich als Mann, um an einer Religionsschule zu studieren. Unter den männlichen Schülern schien Yentl, die ab nun Anschel hieß, ihren Platz gefunden zu haben. Einerseits.

Doch auf der anderen Seite verliebt sie sich in ihren Mitstudenten Avigdor. Eines Tages gesteht sie ihm den Betrug. Er, zuerst schockiert, bietet ihr an, sie zu heiraten. Doch sie lehnt es ab. Sie kann die Liebe zu einem Mann und die Liebe zum Talmud nicht miteinander verbinden. Hin und her gerissen, zieht sie wieder ihre weibliche Kleidung an und geht nach Amerika. Genauso wie ihr Erfinder Isaac Bashevis Singer. In der Hoffnung, den richtigen Platz dort zu finden.

Wird sie in Amerika Talmud und die eigene Weiblichkeit miteinander verbinden können oder ist sie dazu verdammt, ihr Leben lang zwischen Gott und der Welt? Barbra Streisand, die in ihrer wundervollen Verfilmung der Geschichte (1983) auch die Titelrolle spielte, ließ die Zukunft von Yentl ebenso wie der Autor offen. Warum konnte auch sie, die große amerikanische Diva jüdischen Glaubens, die offensichtlich ihren eigenen Platz schon längst gefunden hatte, dem einsamen Mädchen aus Osteuropa diese Frage nicht beantworten: Wo gehörte sie hin?

(Aus der Berliner Morgenpost vom 16. Juli 2007)