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Ivana Sajko: Rio Bar

In einer Bar trinkt sich Ivana Sajkos Heldin ihre Kriegsängste weg

Von Marina Neubert

Worüber schreiben heutzutage junge Autoren in Südosteuropa? Sie schreiben über das, was ihnen leider nicht erspart blieb: Über den Zerfall ihres Landes, das früher einmal Jugoslawien hieß, und über die folgenden blutigen Auseinandersetzungen. Wer den Krieg erlebt hat, der kann nie wieder ruhig schlafen. Das zeigen auch die Werke der jungen kroatischen Autoren, die gerade zu Gast bei der Leipziger Buchmesse sind. Bora Cosic, Igor Stiks, Roman Simic, Stanko Andric, Ivana Sajko - es sind neue literarische Stimmen, deren Bücher ohne den Krieg nicht denkbar wären.

Die 33-jährige Ivana Sajko ist eine der bedeutendsten jungen Stimmen Kroatiens - als Autorin, Dramaturgin und Regisseurin. Vertreibung und Flucht haben sie unwillkürlich zu einer wichtigen Zeugin innerer und äußerer Verwüstungen ihres Landes gemacht. Schon in ihrem frühen Stück "Bombenfrau", das allein in Deutschland mehrfach inszeniert wurde, konnten wir die letzten Minuten im Leben einer Selbstmordattentäterin verfolgen. Auch in ihrem ersten Roman "Rio Bar", in dem sie die kroatische Kriegsoperation "Sturm" aus dem Jahr 1995 ins Zentrum des Geschehens um ihre Ich-Erzählerin stellt, verwendet sie das Prinzip der inneren Monologe: Aus der Perspektive einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, reflektiert Sajko in diesem "Roman in acht Monologen für acht Schauspielerinnen in weißen Hochzeitskleidern" über die Unmöglichkeit des Glücks vor dem Hintergrund des Kriegs.

Sajkos Ich-Erzählerin sitzt in der Rio Bar, trinkt und schreibt sich ihre Albträume von der Seele. Sie erzählt von der Hochzeit in jener Nacht, als der Krieg begann. "Und wenn es noch Unschuldige und Unbefleckte in diesem Haufen Scheiße gibt", sagt sie, "So bin ich eine von ihnen." Den Krieg lässt Ivana Sajko, eine radikal kritische Beobachterin, die Frau mit ihrem eigenen Körper erspüren. Dadurch macht sie auch dem Leser deutlich, dass es manchmal nicht reicht, Dinge zu "wissen" - man muss sie "spüren", um sie verstehen zu können.

(Die Rezension erschien am 14. März 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)