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J.D. Salinger: Franny und Zooey

Spiele, wenn es dich danach verlangt! J.D. Salinger beweist mit seinem großartigen Roman „Franny und Zooey“ (1961), dass der Weg zu Gott auf Erden zu suchen ist

Von Marina Neubert

Woran denkt man, wenn man den Namen Salinger hört? In erster Linie natürlich an den "Fänger im Roggen", die Geschichte von Holden Caulfield, die 1951 erschien und die sich heute noch 250 000 Mal im Jahr weltweit verkauft. Weil es das Buch der Bücher über die verlorene Jugend ist. Und keiner ist je so ein großer Kenner der jungen Seelen gewesen wie der selbst sein Leben lang zweifelnd suchende Amerikaner J. D. Salinger. Er ist ein Meister, der über jenen Weg der Sinnsuche zu erzählen versteht, dass sich 17-Jährige damit beschäftigen. Und er ist ein Meister, dass auch 70-Jährige diese Geschichten begeistert lesen. Denn J. D. Salinger schreibt großartige Geschichten.

Salingers Universum begrenzt sich meistens auf eine kleine amerikanische Collegestadt. Auf eine High School, ein Tennisteam und das ewige Thema: die Suche nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens. In seinem 1961 erschienenen Roman "Franny und Zooey" kommt noch ein großes, mit alten Möbeln voll gestelltes Wohnzimmer der Familie Glass hinzu.

Es wird viel geredet, viel geraucht und viel geweint in diesem faszinierenden Buch. Und im Grunde genommen passiert eigentlich fast gar nichts in dem Roman, der aus zwei Erzählungen besteht, die Mitte der fünfziger Jahre im "New Yorker" erschienen waren. Doch andererseits passiert alles zwischen der jungen, suchenden Franny und ihrem klugen Bruder Zooey an diesen zwei Tagen, alles, was das Leben so kostbar macht. Franny ist die beste Studentin, künstlerisch begabt, bildschön, intelligent, will Schauspielerin werden, doch eines Tages, nachdem sie ein religiöses Buch gelesen hat, bricht ihr weltliches Gebäude aus reinem Ego, wie sie selbst sagt, zusammen. Sie legt sich ins Wohnzimmer auf die Couch und betet ununterbrochen, hoffend, sie würde durch das Gebet zu Gott finden. Ihr Bruder Zooey befürchtet, Frannys spirituelle Suche würde sie den gleichen Weg gehen lassen wie zuvor den bewunderten ältesten Bruder Seymour. Der war der Klügste der sieben Glass-Kinder, die alle Dauergäste waren in einem Bildungsquiz, das im Radio übertragen wurde. Er war zu klug, um weiter leben zu können.

Deshalb spricht Zooey mit seiner Schwester und versucht sie davon zu überzeugen, dass der Weg zu Gott, den sie sucht, nicht in einem Nervenzusammenbruch auf der Couch, sondern darin zu finden ist, wie man das eigene Leben gestaltet. "Du bist eine gute Schauspielerin. Das einzige, was du jetzt tun kannst, die einzige religiöse Handlung, ist spielen. Spiele für Gott, wenn es dich danach verlangt. Sei Gottes Schauspielerin. Was könnte schöner sein?" Diese einfache Erkenntnis ist von einer so weisen, konkreten, überwältigenden Schönheit, dass nicht nur Franny, sondern uns allen deutlich wird, welchen Weg Salinger uns wünscht. Den Weg zu Gott, will er in "Franny und Zooey" sagen, werdet ihr nicht im Himmel, sondern auf Erden finden. Indem ihr tagtäglich lebt und das tut, was ihr am besten könnt.
(Aus der Berliner Morgenpost vom 22. August 2007)