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Joachim Sartorius: Zwischen Berlin und Beirut

„Zwischen Berlin und Beirut“: Joachim Sartorius hat 2007 einen Sammelband west-östlicher Geschichten herausgegeben

Von Marina Neubert

Das Wort "Dialog" scheint mittlerweile in seiner politischen Korrektheit so abgenutzt, dass man ihm kaum noch Vertrauen auf Ergebnisse schenkt. Noch hilfloser ist die Sprachmarke "Dialog der Kulturen", die nach dem 11. September 2001 an Glaubwürdigkeit noch mehr einbüßte. Und dennoch: Joachim Sartorius, Leiter der Berliner Festspiele, der sich sowohl in Tunis und Istanbul als auch in New York und Berlin zuhaus fühlt, hat einen literarischen Dialog mit auf den Weg gebracht.

"Die Idee, die deutsch- und arabischsprachigen Autoren zusammenzubringen, ist vor sechs Jahren geboren", erinnert sich Sartorius. "Wir wollten keine kurze Begegnung mit dem obligatorischen Schulterklopfen, sondern einen echten, dauerhaften Dialog zwischen Schriftstellern ins Leben rufen, die Autoren aus den beiden Sprachräumen über längere Zeit miteinander verketten, so dass sie aufeinander wirklich eingehen können. So ist das Projekt "westöstlicherdiwan" entstanden."

Autoren müssen sich begegnen

Joachim Sartorius, der bereits vor einigen Jahren die bedeutendsten Dichter Alexandrias in einer Anthologie zusammengetragen hat, gab jetzt einen Sammelband mit west-östlichen Geschichten "Zwischen Berlin und Beirut" heraus, das literarische Ergebnis des wieder aufgenommenen Dialogs zwischen Orient und Okzident. Die Begegnung zwischen Autoren - darunter der Büchner-Preisträger Martin Mosebach, der libanesische Lyriker Abbas Beydoun, der iranische Romancier Amir Hassan Cheheltan, der Weltensammler Ilija Trojanow, der Leipziger-Buchpreisträger Ingo Schulze, die sich in ihren Heimatländern gegenseitig besuchten und darüber Geschichten schrieben -, sollte jedem einzelnen von ihnen einen subjektiven Blick auf die andere Kultur ermöglichen. Und auch auf sich selbst.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ein echter Dialog der Kulturen mit einem Gespräch beginnt. Er beginnt in erster Linie mit einem Selbstgespräch, bei dem jeder sich fragen darf: Was kann ich von mir selbst preisgeben, um den anderen besser zu verstehen? Vor Jahrhunderten wünschte sich auch Goethe im Gespräch mit Eckermann über seinen "West-östlichen Divan", die kulturellen Grenzen überwinden zu können, indem man "ein Glück oder ein Wehe des Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet." Ein schweres Unterfangen.

Zu elf Begegnungen mit 22 Autoren kam es im Rahmen des Projekts von 2002 bis 2007 in Städten wie Berlin, Casablanca, Teheran, Beirut, Istanbul oder Kairo. Doch nicht jede von ihnen ist geglückt. "Das Schwierigste war es", gesteht Sartorius, "Paare zu finden, bei denen sofort die Chemie stimmte. So wie beispielsweise bei Beydoun und Kleeberg, die nicht nur sehr persönliche Portraits über einander geschrieben, sondern auch eine Freundschaft geschlossen haben. Das berühmteste Bespiel, wo es nicht funktionierte, war Martin Mosebach und der alexandrinische Schriftsteller Al Harat. Beide wunderbare Schreiber, ungeheuer gebildet, sich in Religionen auskennend, doch aufeinander zugehen konnten sie nicht."

Nicht jeder Autor war zwar bereit, auf seinen Partner einzugehen, aber jeder bemühte sich, seine sehr persönlichen Eindrücke mit dem Leser zu teilen. Ulrike Draesners Beitrag aus Casablanca, "Ich wollte nur wissen, wer ich bin", veranschaulicht diesen Findungsprozess bereits am Anfang des Sammelbandes. Nicht die "marokkanischen Mauern" berühren die Berliner Autorin am meisten, sondern die Tatsache, dass sie selbst durch sie nicht hindurch sehen kann. "Ich bleibe fremd", gesteht Draesner, "spüre nur immer wieder die Suche, ja fast Bitte um Verständnis". Auch Martin Mosebach, der in seinen "Erzählungen im Niemandsland des Zivilisationskriegs" den distanzierten Blick auf Kairo zu behalten versucht, wird von der "nahen Fremde" überrascht, die mehr über ihn wissen will, als er selbst. Ein Kellner liest in Mosebachs Kaffeesatz. "Sie sind vor Sorgen nachts lange wach", verrät er ihm. Und nun darf der sonst eher zurückhaltende deutsche Dichter einmal stutzig werden. Über sich selbst.

Gefühle des anderen verstehen

"Ich wusste, was er dachte", damit endet der Beitrag des Dramatikers Albert Ostermaier über den jungen iranischen Dichter in "Eine Fata Morgana in der iranischen Wüste". Dieser Satz steht mit Sicherheit für die wichtigste Aussage der neuen Anthologie: Denn das beste Ergebnis eines Dialogs wäre, wenn man die Gedanken und Gefühle des anderen auf Anhieb verstehen könnte. "Natürlich ist es noch eine Seltenheit, sich selbst in der Fremde und dann auch den anderen verstehen zu können", sagt Joachim Sartorius, "doch dafür wurde dieser Dialog gedacht. Und obwohl er bereits abgeschlossen ist, planen wir zum Internationalen Literaturfestival 2009 mit dem Schwerpunkt 'Arabische Literatur' unsere elf Paare wieder zusammenzubringen, damit sie gemeinsam reflektieren können, was genau der literarische Dialog zwischen Berlin und Beirut zur Verständigung beigetragen hat."

(Die Rezension erschien am 4. April auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)