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Meir Shalev: Der Junge und die Taube

Brieftauben wollen heimkehren – die neue hebräische Literatur beschreibt Familienverluste und die Angst, Israel als Heimat zu verlieren

Von Marina Neubert

Ist Meir Shalev, zurzeit bedeutendster Romancier aus Israel, dessen neuer Roman "Der Junge und die Taube" eine großartige Geschichte der Sehnsucht nach Heimat erzählt, ein jüdischer oder ein israelischer Autor? "Weder noch", sagt er, "eher ein hebräischer." Ist Aner Shalev, sein Cousin und Bruder von Zeruya Shalev, in dessen tragischer Email-Romanze "Dunkle Materie" zwei Liebende ein Zuhause suchen aber nicht finden, ein jüdischer oder ein israelischer Autor? "Teils teils", sagt er nach einigem Nachdenken. War der vor zwei Jahren verstorbener Dan Tsalka, dessen letzter Roman "Im Zeichen des Lotus", eine melancholische Satire auf den multikulturellen Identitätswirrwarr der israelischen Gesellschaft, nun auf Deutsch erschienen ist, ein jüdischer oder ein israelischer Autor? "Ein polnisch-jüdisch-weltlich-israelischer", pflegte er ironisch zu antworten.

Die Frage, was einen israelischen Autor heutzutage ausmacht, lässt sich im Grunde genauso so schwer beantworten, wie die Frage, wer ein echter Israeli ist: Ein dort geborener Sabra? Ein Einwanderer aus Afrika? Ein orthodoxer Jude aus Europa? Oder ein Olim-Hadashim aus der ehemaligen Sowjetunion, der es am schwersten hat, sich selbst als Israeli zu sehen? Dennoch gibt es etwas, was sie alle miteinander verbindet: Der Staat Israel ist ihre einzige Heimat. Deshalb definieren auch die heute in Hebräisch schreibenden Autoren ihre gemeinsame Identität nicht durch Begriffe wie "Israeli", "Hebräer" oder "Jude", sondern einzig und alleine durch das Wort "Heimat". Und ihre Sorge ist auch nichts anderes als ein Spiegelbild der größten Angst, die im Land des permanenten Kriegszustands herrscht: Der Angst, dass der jüdische Staat aufhören könnte zu existieren. So lassen sich auch die wichtigsten Neuerscheinungen aus Israel auf dem deutschen Buchmarkt in diesem Herbst am besten mit dem Begriff Verlust beschreiben: Familienverlust, Identitätsverslust, Heimatverlust.

Wenn man angstfrei ist, lässt man gern die Fantasien spielen. Wenn man sich aber vor der Zukunft fürchtet, gewinnt die Macht der Erinnerung die Oberhand. Auch Jahre nach dem Holocaust durchleidet die Zweite Generation der Überlebenden in Israel den geistigen "Familienverlust", der sich heute - wegen der ständigen Todesfurcht - multipliziert. Das Mädchen Alusia aus Aliza Olmerts biographischem Roman "Ein Stück vom Meer" geht nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Eltern nach Israel, um dort die neue Heimat zu finden. Doch ihre Hoffnung wird überschattet von den traumatischen Erlebnissen der Eltern und ihrem eigenen Schuldgefühl allen Beschädigten gegenüber. In der gleichen Zeit wächst in Yad Elijahu, einem kleinen Viertel von Tel Aviv, wo früher die Holocaust-Überlebenden siedelten, ein anderes Mädchen namens Malinka aus Lizzie Dorons neuem Roman "Der Anfang von etwas Schönem" auf. Als Erwachsene versucht auch sie, sich von ihren eigenen Schuldgefühlen loszulösen. Doch weder sie selbst noch ihr Verlobter Chesi, ebenso ein Kind von Überlebenden, kann der Geschichte der Eltern entkommen, ungeachtet, wie und wo sie ihr Glück suchen.

Auch in Mira Magéns neuem Roman "Schmetterlinge im Regen" setzt sich die Hauptfigur Adam mit der Geschichte seiner labilen Mutter auseinander. "Wir werden sein, was wir sein wollen", hat sie einmal gesagt, bevor sie ihn eines Tages verließ. Und nun kehrt sie nach fünfundzwanzig Jahren zurück, und Adam versucht herauszufinden, ob er in der Familie Geborgenheit finden kann, um endlich das zu werden, was er immer schon sein wollte.

Das Gefühl der Familienzugehörigkeit ist wohl das zweitwichtigste Identitätsmerkmal der Israelis. Für Meir Shalev ist die ganze jüdische Geschichte nicht anderes als eine Zweitausend Jahre alte Familiengeschichte, die mit der Geschichte seiner Heimat eng verbunden ist. "Heute habe ich Angst um die Existenz Israels", gesteht er, "und somit um meine Familie. Die Gefahr der Bedrohung wird jeden Tag größer und größer, sowohl von außen als auch von innen." Mit seinem neuen Buch hat er jetzt ein Plädoyer für das Recht auf Heimat geschrieben. "Der Junge und die Taube", eine wundervolle Familien- und Liebesgeschichte über den Taubenzüchter Jair, ist mit Sicherheit Shalevs bisher ergreifenster Roman. Dringlicher und sinnbildlicher ist die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Heimat wohl nie beschrieben worden. "Eine Brieftaube. Alles, was sie will, ist heimkehren", heißt es gleich zu Anfang. Ein Dach über dem Kopf zu haben, nach Hause zu kommen, ist auch das ewige jüdische Ziel.

"Manchmal überkommt auch mich der schreckliche Gedanke, dass Israel eines Tages keine Kraft mehr haben wird, sich gegen seine innere Zerwürfnisse und die permanente Außenbedrohung zu wehren", sagt Aner Shalev. Ziehen deshalb seine Hauptfiguren, Adam und Eva im Roman "Dunkle Materie" heimatlos in New York umher, ohne zu wissen, wo sie ihre Liebe leben können? "Vielleicht", antwortet er nachdenklich. Auf dem Cover der hebräischen Ausgabe seines klugen und einfühlsamen Romans ist nicht zufällig ein zerstörtes Haus abgebildet.

(Die Rezension erschien am 2. November 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)