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Natalka Sniadanko: Sammlung der Leidenschaften

Das andere Geschlecht - Natalka Sniadankos „Sammlung der Leidenschaften“ (2007) vergleicht Männer

Von Marina Neubert

Die moderne ukrainische Literatur macht nichts anderes als die gegenwärtige ukrainische Politik: Sie grenzt sich von Russland ab, sie positioniert sich zur Europäischen Union - und sie experimentiert. Der derzeit bedeutendste ukrainische Autor Juri Andruchowytsch ärgert sich immer, wenn er im Ausland gefragt wird, ob Ukrainisch sich vom Russischen unterscheide. "Aber gravierend!" Vor kurzem verfasste er gemeinsam mit dem Polen Andrzej Stasiuk das Buch "Mein Europa". Darin definierte er den Platz seines Landes in "Mitteleuropa", wie auch der Tscheche Kundera oder der Ungar Konrád es tun. Andruchowytsch spricht sich für den Eintritt der Ukraine als ein von der Russischen Föderation unabhängiger mitteleuropäischer Staat in die EU aus.

Je mehr nationales Selbstbewusstsein die Ukrainer entwickeln, desto freier und experimenteller wird ihre Literatur. Liest man den neuen Erzählband "Herbstfeuer" von Andrew Kurkow oder den in der Ukraine bereits zum Status "Kultroman" avancierten Debütroman von Natalka Sniadanko "Sammlung der Leidenschaften" (dtv, 238 Seiten, 14 Euro), hat man das Gefühl, die Ukraine sei ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Bei Kurkow ist es sogar möglich, von geheimnisvollen Telefonzellen aus ins Jenseits zu telefonieren. Und Natalko Sniadanko, die bis vor kurzem Stipendiatin der Berliner Akademie der Künste war und in ihrem Land noch vor dem sensationellen Erfolg ihres Erstlings mit Übersetzungen von Franz Kafka und Friedrich Dürrenmatt bekannt wurde, macht eine Vergleichsforschung zwischen ukrainischen und deutschen Männerwelten möglich.

Liebe und Leidenschaft als Studienobjekt? Die 34-jährige Sniadanko geht dieses Wagnis ein. Letztendlich will sie Kafkas These, dass Literatur und Koitus nicht zu vereinbar seien, in ihrem ersten Roman überprüfen. Also vereint sie beides mit dem Ergebnis: "Wenn Probleme mit männlicher Potenz auftreten, muss man versuchen, die Situation zu retten: Shakespeare zitieren. Wenn aber alles normal funktioniert, besteht im Prinzip keine Notwendigkeit, sich zu unterhalten."

Die Ich-Erzählerin Olessja steht mit ihren Liebesexperimenten im Mittelpunkt von Sniadankos Forschungs- und Vergleichsreise zu den Leidenschaften auf Deutsch, Ukrainisch oder Italienisch. Liest man den Klappentext von "Sammlung der Leidenschaften", entsteht der Eindruck, man hätte es hier mal wieder mit dem Skandalroman einer jungen Autorin zu tun, die eine Sexreise in Buchform betreibt.

Doch dieser Roman ist alles andere als das. Er behandelt nicht die körperliche Seite der Liebe, sondern ihre Klischees. Sniadanko vergleicht und analysiert, heiter und pointiert, verschiedene Typen von Männern aus einer einzigen Sicht, die einer unabhängigen Frau. Sie benutzt einen gewählten Wortschatz, mit dem sie teils sehr feine Satzgeflechte spinnt, und ist eine wahre Meisterin im Einsatz der subtilen Stilmittel. Witz und Ironie fließen fast in jeden Absatz ein. Und so lässt sich Sniadankos literarisches Experiment als eine Art neues ukrainisches Selbstbewusstsein lesen.

(Die Rezension erschien am 11. Januar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)