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Peter Stamm: Wir fliegen

Zerrissene Menschen – Peter Stamms Kurzgeschichten „Wir fliegen“ zeigen Sehnsüchte im Alltag

Von Marina Neubert

Wenn heute jemand vor der Verlorenheit des Individuums in der anonym vernetzten Welt warnt, mag er grundsätzlich das Richtige tun. Aber müssen die literarischen Abbildungen und Deutungen dieses Zustandes auch entsprechend bezugslos und unübersichtlich sein? Bei vielen Autoren - die sich oft in der Verzweigtheit ihrer eigenen Geschichten sonnen und dabei vergessen, dass der Leser auf der Strecke bleibt - ist es leider der Fall.

Zwei Männer streiten um eine Frau
Doch zum Glück nicht beim Schweizer Schriftsteller Peter Stamm, der mit seinem jüngsten Erzählband "Wir fliegen" sich noch deutlicher als in seinen früheren Werken auf das Wesentliche beschränkt. "Wir sind uns näher, wenn wir nicht zusammen sind", heißt es gleich zu Anfang in der ersten Erzählung "Die Erwartung". Und eigentlich ist damit alles über den Charakter der dargestellten Beziehung gesagt. Ebenso direkt ist Stamm in der Geschichte "Fremdkörper", in der er zwei Männer miteinander einen Konkurrenzkampf um eine Frau austragen lässt, die sie beide nicht lieben. Es ist ein Kampf um des Kampfes Willen: "Er hatte das Gefühl, er habe das Spiel gewonnen, was auch immer für ein Spiel es gewesen war."
Die sprachliche Enthaltsamkeit und die Direktheit der Aussage waren immer schon ein Markenzeichen des Mittvierzigers Peter Stamm, sowohl in seinen Kurzgeschichtensammlungen wie "Blitzeis" (1999) oder "In fremden Gärten" (2003) als auch in den Romanen "Agnes" (1998) oder "An einem Tag wie diesem" (2006). Große Metaphern, ausschweifende Beschreibungen versuchte er immer schon zu meiden, ohne dabei die wichtigste Frage in all seinen Geschichten je aus den Augen zu verlieren: Wie entkommt man einem Leben, in dem man sich verloren und sich selbst gegenüber fremd fühlt, und ob dieses Gefühl durch die Flucht im Endeffekt nicht noch mehr verstärkt wird?
Auch in seinen zwölf jüngsten Kurzgeschichten macht Stamm eine schlichte, lakonische Bestandsaufnahme dessen, was wir unter Hilflosigkeit unseren eigenen Wünschen gegenüber verstehen. Darf die einsame Kindergärtnerin ("Die Erwartung") mitten in ihrer tagtäglichen Tristesse daran glauben, dass ihr Nachbar von oben, der viel junger und unbedarfter als sie selbst ist, ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit erfüllen kann?

Verlorene in der eigenen Welt
Darf die enttäuschte Hausfrau ("Drei Schwestern") mit Mann und Kind, die sie nie wollte, davon träumen, dass ihr Wunsch, Künstlerin zu werden, eines Tages in Erfüllung geht? Darf das Kindermädchen (Titelerzählung "Wir fliegen"), das sich zwischen den erotischen Bedürfnissen ihres Freundes und der Verantwortung ihrem kleinen Schützling gegenüber zerrieben fühlt, auf ihr eigenes Glück hoffen, während sie im Badezimmer ihr Gesicht in den Händen verbirgt?
Christoph, Klemens, Sabine, Angelika, Benno, Heidi - alle sind sie Verlorene in einer ihnen fremd gewordenen Welt, in der sie einander unglücklicherweise auch noch etwas beweisen müssen. Lösungswege bietet Peter Stamm seinen Figuren nicht an, doch er zeichnet sie in solchen Situationen auf, die ihre gemeinsame Sehnsucht nach diesen Lösungen subtil aufdeckt.

(Die Rezension erschien am 16. Mai 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)