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Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen

Die Schönheit der Schrift - Der deutsch-syrische Geschichtenerzähler Rafik Schami offenbart „Das Geheimnis des Kalligraphen“

Von Marina Neubert

Manchmal bleibt einem nichts anderes übrig, als die wohl bekannten Worte zu wiederholen, weil sie sich aufs Neue bewahrheiten. Nämlich: Rafik Schami war, ist und - wie es sein jüngster Roman "Das Geheimnis des Kalligraphen" erneut beweist - bleibt auch einer der besten deutschsprachigen Geschichtenerzähler. Wie der 1946 in Damaskus geborene und seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland lebende Syrer es schafft, mit Hilfe der deutschen Buchstaben und deutschen Wortkombinationen eine nur ihm allein, dem Märchenerzähler Schami eigene, orientalische Welt entstehen zu lassen, die noch authentischer, funkelnder, farbiger und lebendiger wirkt als sie in Wirklichkeit ist, bleibt ein Geheimnis.

Nichtsdestotrotz: Er kann es, der bedachtsame, unbeirrbare Zauberer aus Süddeutschland, der seine literarischen Teppiche aus arabischen Mythen und Fabeln, Märchen und Legenden, Sitten und Bräuchen knüpft, wobei jede menschliche Gefühlsregung mit eigener Farbe beleuchtet wird. Vor vier Jahren, als Schamis bislang bedeutendstes Werk "Die dunkle Seite der Liebe" erschien, sprach die Kritik sogar von einer "farbkomponierten, arabischen Variante von Romeo und Julia" und feierte den Roman als das Opus Magnum des Autors.
Urquelle seiner Existenz als Erzähler

Mag sein, dass diese beinahe 900 Seiten dichte, in Tausend Splitter springende Farbexplosion über die Geschichte von Damaskus neben der "Sehnsucht der Schwalbe" (2000) tatsächlich zu einem der wichtigsten Bücher Schamis zählt. Doch vom wirklich umfassenden Opus Magnum dieses Erzählers lässt sich nur im Zusammenhang mit seinem neuen Roman sprechen. Denn mit dem "Geheimnis des Kalligraphen" hat Rafik Schami eine literarische Hymne auf die arabische Schrift und somit auch auf die arabische Sprache verfasst. Die Urquelle seiner Existenz als Erzähler.

Für den Erhalt dieser Urquelle, für die filigrane Schönheit des geschriebenen Wortes ist der geniale Kalligraph Hamid Farsi, die Hauptfigur des Romans bereit, sein Leben zu opfern. Genauso wie Schami selbst, der als junger Mensch Kalligraphie gelernt hat, weiß Hamid, dass die Welt erst dann existiert, wenn sie formuliert, in Schrift gefasst wird. Und da die Welt sich laufend verändert, muss sie auch laufend neu formuliert werden. Hamid, ein verschlossener, wortkarger Mittvierziger, der in einem der besten Viertel von Damaskus sein schönes Atelier hat, und im Jahre 1957 dem Geheimbund der Kalligraphen "Rat der Weisen" angehört, arbeitet an einem geheimen Plan für die radikale Reform der fast 1000 Jahre alten Regeln der arabischen Schrift.
Mängel der arabischen Schrift

Schon während seiner Ausbildung zum Kalligraphen lernte der junge Hamid von seinem alten Meister Serani die Mängel und Schwächen der arabischen Schrift kennen: Beispielsweise werden die Buchstaben, abhängig davon, ob sie am Anfang, in der Mitte, am Ende des Wortes stehen, jedes Mal anders geschrieben, was den Zugang zur Schriftsprache allgemein erschwert. Als angesehener Kalligraph gründet Hamid Farsi seine eigene Schule für Kalligraphie und ist von der Idee besessen, "das effektive Alphabet" der arabischen Sprache zu entwickeln: Ihm geht es darum, die Schwächen der Schrift auszubessern, sie zu modernisieren, neue Schriftstile niederzuschreiben. Doch die religiösen Fundamentalisten in Damaskus glauben, für die Authentizität und Reinheit der heiligen Schrift gegen den revolutionären Reformer ankämpfen zu müssen. Sie demontieren seine Schule, verhelfen ihm hinterlistig zu einem Rachemord, bringen ihn "lebenslänglich" ins Gefängnis und ruinieren damit im Endeffekt seine Existenz.

Nicht aber seinen Namen. Denn mit der Entwicklung der Hauptfigur in Schamis neuem Roman geschieht etwas Einzigartiges. Der Autor lässt Hamid Farsi in der ersten Hälfte des Romans bewusst als unsympathisch und abweisend erscheinen. Er wirkt auf uns wie ein disziplinierter Fanatiker, der von morgens bis abends in seine Kalligraphien vertieft ist. Er steht jeden Tag um sechs Uhr auf, geht spätestens um zehn Uhr abends ins Bett und schläft stillschweigend, wie auf Befehlt, mit seiner bezaubernden Frau Nura. Schami lässt ihn zunächst als das dunkle Gegenteil zur jungen Nura erscheinen, die an seiner Seite todunglücklich wird, sich auf eine atemberaubende Liebesgeschichte mit dem Christen Salman einlässt und mit ihm letztendlich von ihrem Ehemann weg in eine andere Stadt flüchtet.

Nuras Flucht wird zum erzählirischen Wendepunkt des Romans. Denn nach diesem Ereignis verändert Rafik Schami die Sichtweise auf seine Hauptfigur. Hamid Farsi ersticht aus Rache Nassri Abbani, den bekannten Gigolo von Damaskus, weil er glaubt, Nassri habe seine Frau entehrt. Er landet im Gefängnis. Dort lässt Schami den vom Schicksal gezeichneten Hamid sein ganzes Leben Revue passieren: Seine Kindheit, Pubertät, Ausbildung, erste Ehe, und vor allem die unendliche Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mit einem Mal ist Hamid Farsi kein "dunkles Gegenteil" mehr, sondern ein überzeugter Idealist, jemand, der sein ganzes Glück, und das Glück seiner Ehe auf dem Altar der Schrift opfert. Am Ende verwischen sich die Spuren Farsis in einer psychiatrischen Heilanstalt, doch die neuen Kalligraphien, mit seinem Namen unterschrieben, kursieren im arabischsprachigen Raum weiter.
Die Schöpfung liegt im Wort

War ihm die Entwicklung der Sprache wichtiger als sein eigenes Leben? Anscheinend. Das war Hamid Farsis Geheimnis, sein Segen und Fluch zugleich. Die Erkenntnis Rafik Schamis, dass die Macht des Wortes manchmal stärker ist als der menschliche Wille zum irdischen Glück, knüpft an die alttestamentarische Tradition, in der sogar die Schöpfung im Wort liegt und die Geschichte der Menschheit sich ebenso im Weltall des geschriebenen Wortes abspielt. Sein neuer Roman zeigt sehr empfindsam auf, wie dieses Weltall lebt und vom Sinn der Dinge erzählt, die unseren täglichen Weg offenbaren - sowohl ins Glück als auch ins Unglück.

(Die Rezension erschien am 5. September 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)