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Rüdiger Safranski: Romantik

Deutsche Träumer – im Guten wie im Bösen: Rüdiger Safranski glaubt, dass Politik und Alltag von der Romantik geprägt sind

Von Marina Neubert

Was für zwei Jahrzehnte! Mozart komponierte "Don Giovanni", die Französische Revolution deklarierte Menschen- und Bürgerrechte, Hegel schrieb die "Phänomenologie des Geistes", Goethe dichtete seinen "Faust". Und mitten in dieser atemberaubenden Zeit, an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert, blühte die Epoche der Romantik auf. Voller Träume, Poesie, Phantasie wollten die Romantiker, wie ihr bedeutendster Dichter Novalis schrieb, "dem Gemeinen einen hohen Sinn" geben, den Sinn des Romantischen.

Eine, nach Überzeugung von Rüdiger Safranski, zutiefst deutsche Angelegenheit. Und so meint der Autor und Philosoph in seinem kürzlich erschienenen Buch "Romantik. Eine deutsche Affäre" auch beides: Einerseits die Epoche der Romantik, die etwa dreißig Jahre andauerte, der Weltgeschichte die wunderbarsten Dichter und Denker wie Fichte, Schlegel, Tieck, Novalis, Schelling, Eichendorf und E.T.A. Hoffmann schenkte und eine Explosion der Leselust auslöste, die Deutschland bis dahin noch nicht kannte; andererseits die Einwirkung des romantischen Gedankens, der bis heute in der Poesie, Musik, Philosophie und nicht zuletzt in der Politik und unserem Alltag lebt und der sich schon längst als ein deutsches Phänomen verselbstständigt hat.

Rüdiger Safranski, der mit seinen mittlerweile in 19 Sprachen übersetzten Büchern - zuletzt über Friedrich Schiller und den deutschen Idealismus - bereits als Kenner des deutschen Geistes beeindruckte, nimmt uns diesmal auf eine Reise zu den Anfängen einer anderen deutschen Obsession mit. Er führt uns nach Berlin, Jena und Dresden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dorthin, wo die meisten Romantiker lebten, dichteten, träumten und auf spielerische, poetische Weise ihre eigene, subjektive Welt als Gegenwelt zu der geistig beengten, realen erfanden. Und er nähert sich diesen jungen, begeisterten Dichtern selbst mit leidenschaftlicher Hingabe. Für ihn, der zusammen mit Peter Sloterdijk das "Philosophische Quartet" im ZDF moderiert, ist das Philosophieren kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, Phänomene so zu erklären, dass man sie auch versteht.

Und so verbindet er seine Analyse der sozialen und politischen Umstände sowie der Denkweisen der Romantiker mit wunderbar erzählten, biographischen Geschichten voller Witz und Pointen. Allein die erste Begegnung von Goethe und Fichte in Jena 1794, bei der Goethe fassungslos beobachtete, wie Fichte in sein Zimmer stürmte, den Hut und Stock auf den nächst stehenden Tisch fallen ließ und sich mit Selbstvergessenheit eines Wahnsinnigen sofort ins Gespräch vertiefte, wäre einer Filmsequenz würdig.

Auch jene im Lande, die die Idee des Romantischen lange nach der Epoche der Romantik bewusst wie unbewusst fortgesetzt haben, bringt uns Safranski näher. Er führt uns zu Heinrich Heine, der genauso wie sein Freund Karl Marx das Romantische am besten überwinden wollte, aber es nicht schaffte. Zu Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, die keine Romantiker sein wollten, aber es doch waren. Zu Thomas Mann, der glaubte, die romantische Kultur Deutschlands gegen die westliche Zivilisation verteidigen zu müssen. Zu Hitlers unheilvollen Fieberträumen von "einem neuen Reich" und zu Goebbels "stählernen Romantik". Zu der romantischen Idee "der allumfassenden Befreiung" der Studentenbewegung von 1968 und ihren Folgen.

Fichte, Novalis, Thomas Mann und Hitler in eine Reihe zu stellen, ist gewiss abenteuerlich. Doch Safranski geht dieses Wagnis ein. Eines der interessantesten Kapitel seines Buches ist die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie romantisch war der Nationalsozialismus? "Erinnert man sich der bewundernswerten Genies dieser Epoche", gesteht er, "so sträubt sich alles dagegen, Hitler in einem Atemzug mit der romantischen Tradition zu nennen. Und doch kann man nicht umhin, in Hitler die fatale Verbindung von Weltfremdheit und weltstürzendem Furor am Werke zu sehen."

Safranski erfindet zwar kein neues Rad, wenn er behauptet, dass der Sinn für Vernunft in der Romantik mit dem fast heiligen Glanz von "Reich", "Volk" und "Nation" unterging und dadurch gefährlich wurde - aber er zeigt uns sprachkräftig und kenntnisreich alle Wege, auf denen sich die Romantik fortführte, und offenbart, wie ihre Ideale, etwa die Idee des schöpferischen Volksvermögens, von den Nazis angeeignet und instrumentalisiert werden konnten.

Das Romantische, sagt Rüdiger Safranski, wollte mit ästhetischen Mitteln eine neue, schönere Welt erschaffen, das Gegenteil zu der Wirklichkeit. Doch es blieb dadurch, trotz seiner großen Ideale, oft weltfremd. Ihm " fehlte ein auf Realismus, praktischer Klugheit und Weltläufigkeit gründender politischer Humanismus."

Safranskis These: Das Romantische mit seiner entfesselten Einbildungskraft gehört zu einer lebendigen Kultur, die romantische Politik dagegen ist gefährlich. Und somit ist das Romantische in seinen Auswirkungen auch widersprüchlich. Sein neues Buch ist ein gelungener Versuch, diesen zutiefst deutschen Widerspruch sichtbar zu machen: Denn das Romantische, vom Licht erhellt und von Dunkelheit beschattet, wirkt nach wie vor im deutschen Geist und Ungeist fort.

(Die Rezension erschien am 21. September 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)