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Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht

Lebendig begraben: Die Berliner Autorin Kathrin Schmidt erzählt in "Du stirbst nicht" vom Leben nach dem Hirnschlag

Von Marina Neubert


Krankheit kann heilen. Der Theaterregisseur Christoph Schlingensief hat es in einem seiner jüngsten Fernsehauftritte am treffendsten ausgedrückt. Sein Krebsleiden habe ihn von allem Unwesentlichen geheilt. Nur das Wesentliche zähle jetzt: am Leben zu bleiben. Kathrin Schmidts Botschaft in ihrem neuen Roman "Du stirbst nicht" ist zwar nicht viel länger und nicht weniger ergreifend als die von Schlingensief, doch sie ist in den langen Heilungsprozess einer Hauptfigur integriert. Sie kommt scheibchenweise auf fast 350 Seiten ihres Romans vor, mal in Form einer Hiobsbotschaft, mal von Freudentränen überflutet, mal als Klarsicht, mal als Täuschung, aber in jedem Fall als eine Erkenntnis, die man als gesunder Mensch nicht gewinnen kann: Nicht-Sterben-Wollen.
Helene Wesendahl, die nach einer Hirnblutung und zwei schweren Operationen bewegungs- und erinnerungslos in einem Krankenhaus erwacht, klammert sich ans Leben mit allem, was ihr zur Verfügung steht. Seien es nur kurze Wimpernschläge am Anfang, nach dem Aufwachen, als sie nicht mehr weiß, wer sie ist, wie sie heißt und warum sie an ein Krankenbett gefesselt ist. Oder ihre ersten Versuche nach einigen Wochen, ein paar zusammenhängende Buchstaben aneinander zu reihen, um von den Familienangehörigen zu erfahren, was passiert war. Oder die monatelangen, qualvollen Mühen, sich mit Hilfe eines Rollators zu bewegen, wobei ihre rechte Körperseite immer noch gelähmt ist. Und die harte, viel Disziplin fordernde, tagtägliche Erinnerungsarbeit, mit dem Ziel, ihr altes Leben als erfolgreiche Schriftstellerin, Ehefrau und Mutter von fünf Kindern wieder zu erobern, um ein neues zu beginnen.
Aber wie wird, wie kann dieses Neue sein? Denn das Alte, an das sie sich Schritt für Schritt erinnert, stellt auf einmal vieles in Frage, was in der neuen Situation als Selbstverständlichkeit scheint. Ihre Kinder, die zum Teil schon eigene Wege suchten, unabhängig von ihrer Mutter, halten auf einmal inne und kehren wieder heim. Ihr Mann Matthes, von dem sie sich kurz vor der Hirnblutung trennen wollte, weil sie sich in einen Transvestiten verliebte, kümmert sich jetzt aufopferungsvoll um sie. Und sie braucht ihn. Ihre Krankheit bringt sie wieder zusammen, obwohl der Mensch sonst "im Aushalten von Krankheiten einsam ist", wie Kathrin Schmidt es jungst in einem ihrer neuen Prosagedichte "Zu blinde bienen" formulierte. Doch: "Du nimmst meine, ich deine zum Anlass, den Raum auszumessen, der uns noch bleibt." Dieser Raum gehört Matthes und Helene zusammen, das weiß sie jetzt ganz genau.
Und was ist mit ihrer neuen Liebe? Sie stirbt am Herzversagen, während Helene im Krankenhaus liegt. War es ihre Schuld? Alles wird auf den Kopf gestellt, alles hinterfragt. Auch ihr früheres Leben in der DDR, besonders die schwere Zeit in der Mitte der Achtzigerjahre, als sie arbeitslos war, "obwohl es so etwas im offiziellen Sprachgebrauch des Landes gar nicht gab".
Ihre Krankheit scheint sie tatsächlich "als Geisel genommen" zu haben, "um die Vergangenheit freizupressen". Nun muss sie herausfinden, wer sie war, wer sie ist. Sie muss sich erinnern. Einen anderen Weg gibt es nicht. Ebenso wenig, wie damals, in der DDR: Sie hätte zwar aus dem Land fliehen, aber sie hätte ihm in seinem Inneren niemals entwischen können.
In einem schmerzvollen Prozess - Kathrin Schmidt bezeichnet ihn treffend als "Zwischenzeit" - ergreift Helene keine Flucht vor ihrer Krankheit, sondern versucht sowohl sich selbst als auch ihr Leben neu zu definieren. Schmidt beschreibt akribisch, Tag für Tag, Empfindung für Empfindung diese Art ungewöhnlicher Erfahrung im Zwischenleben, wenn man so tut, als ginge man sich selbst nichts an.
Edgar Allan Poe hat diesen Zustand des Stillstands einmal als "Lebendig begraben" bezeichnet. Die Autorin selbst kennt ihn auch. Auch sie hat vor einigen Jahren einen schweren Hirnschlag erlitten und schrieb danach unter Schmerzen "Seebachs schwarze Katzen" (2005), um sich selbst zu beweisen, dass sie weiter als Schriftstellerin arbeiten kann. Zum Teil hat sie auch ihre autobiographischen Erfahrungen in Helenes Wiederaufleben geschildert, doch ihr Buch ist auf keinen Fall ein bloßer Verarbeitungsversuch. "Du stirbst nicht" ist in erster Linie ein bewusstes, ästhetisches Übertreiben, ein Versuch, die Krankheit als Metapher zu relativieren.
Das, was wichtig schien, erweist sich in Helenes Leben auf einmal als unwichtig. Ihre Denk- und Verhaltensweisen ändern sich. Fast am Ende des Romans, kurz bevor Matthes sie wieder nach Hause holt, gibt es eine ergreifende Szene: Helene überquert die Straße mit Hilfe ihres Rollators und merkt nicht, wie ein Auto im Zentimeterabstand von ihr hält. Quietschende Reifen, fluchender Fahrer. Und Helene selbst? Früher hätte sie sich tausendmal entschuldigt, dem Fahrer als Entschädigung einen Kaffee spendieren wollen. Und jetzt? Sie geht einfach lächelnd weiter. Es passiert halt, was soll's.
Diesen offensichtlichen Gesinnungs- und Verhaltenswandel durch Krankheit begleitet Kathrin Schmidt in einer dichten, sehr direkten, detailgetreuen Sprache, fern von jeglicher Fabulierlust, mit einer bewusst eingesetzten, stilistischen Reduktion, die die Krankheit aus den Fesseln des metaphorischen Schreckens befreit. So gelingt es der Autorin in ihrem neuen Roman, die Krankheit als eine der ehrlichsten Möglichkeiten zu definieren, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Ihr ist ein berührender Roman gelungen.

(Die Rezension erschien am 27. März 2009 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)