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Marlene Streeruwitz: Kreuzungen.

Der Mann will nur Sex und Geld - Feministin Marlene Streeruwitz rechnet im Roman „Kreuzungen.“ mit dem Typus mächtiger Sarkozys ab

Von Marina Neubert

Marlene Streeruwitz hat ein neues Buch geschrieben. Punkt. Über einen Millionär. Punkt. Über einen Unersättlichen, der sein altes Frau-Kind-Haus-Lebensmodell verlässt. Punkt. Um den Rest der Welt zu erobern. Punkt. Würden wir dem typischen Streeruwitz-Stil folgen, mit knappem Erzählduktus, abgehakten Sätzen und ihrem berühmten Punkt-Markenzeichen dazwischen, würde es noch sparsamer weiter zugehen: Roman "Kreuzungen." Ein mächtiger Superreicher als Gattung. Hochaktuell. Zum Staunen.

Nichts ist gegen die Eigenart des Stils einzuwenden, für den der österreichischen Schriftstellerin und Dramatikerin Marlene Streeruwitz bereits seit Jahrzehnten ein beachtlicher Platz in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gebührt. Auch nichts gegen die rasante Fahrt durch die fünfzehn Kapitel ihres neuen Romans, die das ohnehin übereilte Zeitgefühl der Hauptfigur, des Wiener Finanziers im mittleren Alter, bis zum Äußersten beschleunigt: Sein Hin und Her von der geldsüchtigen Ehefrau Lilli, die ihn hasst, zu den zierlichen Rücken der Asiatinnen, die ihn befriedigen. Von seinen beiden Töchterchen Hetty und Netty, die er auf dem Boden spielend beobachtet, bis zu seiner Therapeutin, Dr. Erlacher, bei der er sich seine Rastlosigkeit von der Seele redet.
Ein kleiner Mann zwischen den Busen

Auch den direkten Formulierungen, mit denen Marlene Streeruwitz ihre Figur "als Kleiner Mann zwischen den Busen" charakterisiert, sowie dem wilden Wortlaut, dem sie im Übrigen seit ihrem beachtlichen Debüt "Verführungen." (1996) treu geblieben ist, lässt sich wenig entgegnen. Ebenso wie den Anhalteeffekten und Assoziationssprüngen in der Szenerie des Romans, der uns aus Wien zunächst nach Venedig, dann nach Zürich und schließlich nach London führt.

Nicht die Form des Romans ist der Haken an der ganzen Geschichte, die alle Handlungen der Hauptfigur gekonnt miteinander verschränkt. Das Problem liegt im klischeehaften Umgang mit aktuellen Schablonen und Mustern, die diese Figur zu erfüllen hat. Es fragt sich: Wie konnte es passieren, dass der Autorin, die sich vor zwei Jahren mit Fug und Recht gegen die Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" öffentlich wehrte - Streeruwitz wurde dort in einer Szene als sprechende Vagina dargestellt -, in ihrem neuen Roman nichts besseres einfiel, als die Hauptfigur ebenso auf ein Geschlechtsorgan zu reduzieren? Allerdings nicht auf ein sprechendes, dafür aber auf ein reiches und mächtiges.

2002 schrieb Streeruwitz nicht ohne bittere Ironie, dass in unserer Gesellschaft nur noch der Bauch eine Frau ausmache, wobei sie die Herabsetzung der Persönlichkeit der Frau auf die Gebärfunktion scharf kritisierte. Und was macht sie nun sechs Jahre später? Sie reduziert selbst die Persönlichkeit eines Mannes auf sein Portemonnaie und seine Sex-Macht-Geilheit. Und sie bedient dabei jedes Klischee, das wir längst aus den unendlichen TV-Serien über die Schönen und Reichen oder von sonst woanders her kennen. Warum muss Streeruwitzs namenloser, gesichtsloser (Anti-)Held unbedingt die abgedroschenen Denkweisen der heutigen Neureichen übernehmen, die "auf dem Geld so sitzen, wie auf einem Pferd"? Seine Einstellungs- und Handlungsmuster sind so offenkundig, so schnell und leicht voraussagbar, dass man sich beim Lesen teilweise über das Ausmaß dieser Erkennbarkeit ärgert.

Nach der Entscheidungsschlacht mit seiner Ehefrau kehrt er natürlich der Familie den Rücken zu. Und flüchten muss er dann logischerweise nach Venedig - eine ziemlich flache Gustav von Aschenbach-Paraphrase -, um dort auf den hübschen Lyriker Gianni zu treffen und auf einmal ein "ästhetisches Vergnügen" in punkto "Verfügbarkeit der Welt" zu verspüren. Wie ein Affe ahmt er folglich den abgegriffenen Hollywood-Schönheitswahn nach und lässt sich mit dem blendend-weiß-teueren Gebiss ausstatten, um ein neues Leben als einer der Mächtigsten dieser Welt zu beginnen. Und im Endeffekt - wie konnte es auch anders kommen?! - muss die neue Frau, die er sich über eine noble Züricher Heiratsagentur für dieses erstklassige Leben vermitteln lässt, unbedingt eine schöne Italienerin sein.

Natürlich schimmert in dieser erfundenen Figur etwas sehr Bekanntes durch: Streeruwitz machte auch kein Geheimnis daraus, dass sie in "Kreuzungen." - ursprünglich sollte das Buch "Er. Oder so denken die Sarkozys." heißen - den Typus eines modernen, mächtigen Mannes zu erforschen suchte. Doch erforschen heißt weder herabsetzen noch vereinfachen noch auf das oberflächlich Erkennbare reduzieren. Von der Eins-zu-eins-Abbildung jener Männer in der Mitte des Lebens, die nach absoluter Macht streben, geldgeil und sexgierig sind, mögen bunte Blätter profitieren.

Von einer Schriftstellerin wie Marlene Streeruwitzs darf man aber mehr erwarten als die Wiedergabe von Stereotypen im Glanzformat. Von Streeruwitz erhoffen wir die literarische Übersetzung eines realen Prototypus, dessen gewöhnliche Minderwertigkeitskomplexe schließlich in Geld-Sex-und-Macht-Gigantomanien münden.
Das Phänomen überspielter Gehemmtheit

Von Streeruwitz begehrt man eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Phänomen überspielter Gehemmtheit, das ihre französische Kollegin Yasmina Reza ebenso im Hinblick auf den französischen Staatschef zutreffend als "entwaffnende Vulgarität" bezeichnete. Nur dann würde sie ihrem eigenen Anspruch gerecht werden, diese verdammt schwierige Frage beantworten zu können: Wie die "Sarkozys" dieser Welt wirklich denken und fühlen.

(Die Rezension erschien am 25. Juli 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)

Marlene Streeruwitz Die in Baden bei Wien geborene Autorin, Jahrgang 1950, ist eine der wichtigsten feministischen Vorkämpferinnen. Ihr Markenzeichen ist die Polarisierung - sowie durch die künstlerische Kontinuität als auch durch das gesellschaftspolitisches Engagement. Streeruwitz studierte Slawistik und Kunstgeschichte und begann als Regisseurin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen.

Das Werk 1996 erschien ihr erster Roman "Verführungen.", für den Sie den Mara-Cassens-Preis erhielt. Ihm folgten u. a. die Romane "Nachwelt." (1999), "Partygirl." (2002), "Jessica, 30." (2004) und "Entfernung." (2006) Zurzeit lebt und arbeitet Marlene Streeruwitz in Wien und Berlin.