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Cecile Wajsbrot: Aus der Nacht

Stimmen in der Nacht - Cécile Wajsbrots Romanfigur reist in die Vergangenheit ihrer Familie

Von Marina Neubert

Manche sagen, man sollte nicht zurückblicken. Man sollte sich nicht daran erinnern, was einem selbst oder der eigenen Familie in der Vergangenheit widerfahren ist. Für viele in der Generation der Nachgeborenen - nach dem Krieg, nach dem Holocaust, nach der Flucht und Vertreibung - mag es nach wie vor ein Ausweg sein, um weder sich selbst noch die eigenen Kinder damit zu belasten.

Jedoch nicht für die 1954 in Paris geborene Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, deren Familie in den Dreißigerjahren aus Polen fliehen musste, wie die anderen 70 000 deportierten Juden, in der Hoffnung, in Frankreich eine sichere Zuflucht zu finden. 1941 musste ihr Großvater Frankreich wieder verlassen, Richtung Auschwitz, von wo er nie zurückkam.

Weggehen, das Angesessene verlassen, neu anfangen, um eines Tages wieder wegzugehen - die Tragödie aller Flüchtlinge. Und ein ewiges jüdisches Drama. Wenn beides zusammen kommt, dann kommt auch meistens eine lebenslange Zerrissenheit dabei heraus. Wie in der Familie der Ich-Erzählerin aus Cécile Wajsbrots Roman "Aus der Nacht", in der diese Zerrissenheit wie ein dunkler Fluch über der nachkommenden Generation liegt.

Von ihr, der Nach- und in Frankreich Geborenen, wird aber erwartet, dass sie angstfrei lebt, "normal" und "alles besser macht". Sie hat es auch brav versucht - sie studierte, wurde Auslandskorrespondentin, bereiste viele Länder. Und insgeheim wartete sie immer darauf, dass ihre Eltern die Wahrheit erzählen. Doch sie schweigen.

Eines Tages macht sie sich auf den Weg nach Kielce, dorthin, wo ihre Familie her kommt, wo am 4. Juli 1946, bereits nach Auschwitz, Dutzende Juden von Polen umgebracht worden waren. Ihre innere Reise in die Geschichte der eigenen Familie wird durch die reale Zugreise gen Osten begleitet, in einen leisen, poetischen, für Wajsbrots literarischen Stil unverwechselbaren Chor aus Stimmen eingerahmt.

Stimmen auf dem überfüllten Bahnsteig, im Nachtzug, am Flussufer. Wem gehören sie? Der Mutter der Ich-Erzählerin, ihrem an Alzheimer erkrankten Vater, ihrem toten Bruder, ihr selbst. Und allen den, die gesichtslos bleiben, den Toten und den Lebenden, die nicht mehr sprechen können. So wie Ruth Klüger es in ihren Auschwitz-Erinnerungen "unterwegs verloren" ihre Gedichte überall einstreut, so lässt Cécile Wajsbrot ihre Stimmen während der Reise überall erklingen, wie leise Mahnmale, die, sobald die Reise zu Ende geht, wieder verstummen. Nicht umsonst trägt ihr 2005 in Frankreich erschienener Roman den Originaltitel "Mémorial". Worauf trifft die Ich-Erzählerin in Kielce? Tragischerweise wieder auf die Wand aus Schweigen. Der Ort ist ihr fremd. Der Friedhof leer. Die Vergangenheit ihrer Familie entzieht ihr sich erneut. Sie muss zurück reisen, ins Leben ohne Geschichte.

Auch Cécile Wajsbrot selbst reist ihr Leben lang - zurzeit pendelt die Autorin zwischen Berlin und Paris. Und gemeinsam mit ihr bewegen sich auch ihre Figuren fort: Sie fahren mit der französischen Metro hin und her, wie im Roman "Im Schatten der Tage" (2004), sie durchstreifen Berlin kreuz und quer, wie im "Mann und Frau den Mond betrachtend" (2003), und sie reisen von Paris nach Kielce, wie im "Aus der Nacht", um mit der Leere im Gepäck zurückzukehren.

(Die Rezension erschien am 12. September 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)