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Christa Wolf: Medea. Stimmen

Aus Liebe zur inneren Freiheit - Frauen von archaischer Größe: Die Berliner Autorin Christa Wolf suchte in „Medea. Stimmen“ zuerst nach sich selbst

Von Marina Neubert

Christa Wolf hatte immer schon Sympathien für starke, archaische Frauen-Charaktere gehabt. Noch zu DDR-Zeiten schrieb sie die Erzählung "Kassandra" (1983), die sie als Geschichte einer gejagten Außenseiterin auslegte, die zum Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft wurde. Auch Medea, eine weitere Frauenfigur aus der griechischen Mythologie, will in Wolfs bereits nach der Wende geschriebenem und heiß diskutiertem Roman "Medea. Stimmen" (1996) keine bloße Liebestäterin sein.

In Wolfs Fassung, in der sechs verschiedene Stimmen ihre Geschichte aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählen, bringt Medea weder ihren Bruder Absyrtos und die Geliebte ihres Mannes Jason Glauke um, noch tötet sie aus Rache an Jason ihre eigenen Kinder. In Wolfs Roman wird Absyrtos von den anderen umgebracht, Glauke begeht einen Selbstmord und Medeas Kinder werden aus Rache an ihrer Mutter von der Menge gesteinigt.

Anders als bei Euripides hilft Wolfs Medea ihrem künftigen Mann Jason nicht aus Liebe das Goldene Vlies zu stehlen und aus Kolchis zu fliehen, sondern weil sie selbst den tyrannischen Regierungsstil ihres Vaters ablehnt und ihm den Mord an seinem Sohn Absyrtos nicht verzeiht. In Korinth angekommen, wird sie zwar als Heilerin geduldet, aber als eine unabhängige Frau geächtet.

Medea, die sonst als Kindsmörderin in die Mythologie eingegangen ist, wird von Christa Wolf als eine gerechte und mutige Frau dargestellt, die "auf ihrem Kopf besteht" und dafür einen sehr hohen Preis zahlt. Sie kommt einem Geheimnis der Korinther auf die Spur: Kreon ließ seine ältere Tochter Iphinoe aus politischen Gründen umbringen und unter der Stadt begraben. Mit diesem Wissen wird Medea zu einem Risiko für Kreon und insbesondere für den Ersten Astronom des Königs, Akamas, der im Verborgenen das Land regiert. So streut er Gerüchte, Medea sei Schuld am Erdbeben in Korinth und an der Pest, die in der Stadt grassiert. Sie wird zum Sündenbock erklärt. Und von Christa Wolf als ein Opfer der Gesellschaft dargestellt, die bereit ist, einer selbstbewussten, starken Frau die eigenen Verbrechen anzulasten, um sich selbst reinzuwaschen. Nicht aus Liebe und Eifersucht zu ihrem Mann Jason, sondern aus Liebe zur eigenen Freiheit, zur Selbstbestimmung scheitert Wolfs Medea.

Diese Auslegung des bekannten Medea-Mythos, in der Christa Wolf der Frage nachgeht, warum Gesellschaften über die Jahrtausende hinweg in Krisensituationen immer Sündenböcke brauchen, hatte nach dem Erscheinen des Romans 1996 einen schweren Stand bei den Kritikern. Da solch eine Fragestellung nicht zuletzt als ein misslungener Kommentar zur persönlichen Geschichte Wolfs, die sich als Ostberliner Schriftstellerin nach der Wende ausgegrenzt fühlte, gelesen wurde. Insbesondere seit dem deutsch-deutschen Literaturstreit um Wolfs Erzählung "Was bleibt" im Jahr 1990 und den politischen Debatten um ihre Stasi-Mitarbeit. Danach hatte in den Feuilletons eine vollständige Neubewertung ihrer Bücher eingesetzt, die zeitweise einer deutlichen Abwertung ihres literarischen Oeuvres gleichkam.

Es ist durchaus verständlich, dass Christa Wolf, die ebenso wie ihre Hauptfigur ein Leben lang nach innerer Freiheit strebte, den Weg gesucht hat, auf die Vorwürfe zu antworten. "Auf dieser Scheibe, die wir Erde nennen", lässt sie Medea im Selbstgespräch mit ihrem Bruder verkünden, "gibt es nichts anderes mehr, mein lieber Bruder, als Sieger und Opfer." Nun ist Wolfs Medea zum stolzen Opfer geworden.

(Die 50. Folge der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 30. August 2008 in der Berliner Morgenpost)