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Hans-Ulrich Treichel: Anatolin

Keine Erinnerung an die eigene Kindheit - Hans-Ulrich Treichel begibt sich im Roman „Anatolin“ auf Spurensuche in ein polnisches Dorf

Von Marina Neubert

Wie schreibt man eigentlich die einzig wahre, ultimative Autobiografie? Und sollte man bis zu diesem Zeitpunkt des Verfassens seines eigenen Lebenslaufes nicht das Meiste über das eigene Ich bereits erfahren haben? Am besten vor dem Spiegel stehend - in einem tête à tête mit sich selbst. Der Erzähler, Lyriker und Essayist Hans-Ulrich Treichel scheint aber diese autobiografische Art "wohlige Selbstbetrachtung" nicht sonderlich zu mögen. "Dass man beim Friseur vor einen Spiegel gesetzt wird, um sich fortlaufend anzustarren", gab er einmal zu, "ist schon eine Nötigung, der ich mich nur ungern aussetze."

Der Hermann-Hesse-Preisträger, der 1952 in Versmold (Westfalen) geboren wurde, hat seinen älteren Bruder gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Familie aus Ostpreußen flüchten musste, verloren. Diese traumatischste Erfahrung seines Lebens hat er bereits in zwei seiner schönsten Romane - "Der Verlorene" (1998) und dessen Fortsetzung "Menschenflug" (2005) - verarbeitet, beim Verfassen seines eigenen Lebenslaufs zieht er aber ein anderes Verfahren vor, anstatt sich selbstquälerisch im Spiegel zu betrachten. Er schließt lieber die Augen und macht sich im jüngst erschienenen Buch "Anatolin" auf eine Art meditative Reise in die Vergangenheit seiner Eltern, hin zu den Orten, an denen er glaubt, auch über sich selbst das Meiste erfahren zu können.

Der Ich-Erzähler - wie der Autor selbst ein Romancier, der am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig lehrt - steigt in Berlin in den Zug und fährt Richtung Osten: Zunächst zu den väterlichen Wurzeln in ein abgelegenes Straßendorf in der Ukraine, dann in einen noch viel kleineren Ort in Polen, wo seine Mutter geboren wurde.

Was kann schon ein deutscher, kein Wort Polnisch sprechender Literaturprofessor in diesem tristen Kaff namens Anatolin über sich selbst erfahren? Natürlich nichts Konkretes, nichts Wissenswertes. Aber Treichel kommt es auch viel mehr auf die gefühlte als auf eine rationale Erkenntnis an. Seinem Reisenden geht es weniger darum, in den verbliebenen historischen Zeugnissen zu stöbern, sondern sich auf die "Muttererde" zu legen und sich vorzustellen, wie sein junger Vater seiner jungen Mutter an dieser Stelle ein Kind machte.

Dieses Kind war er selbst. Und seine Kindheit? "Kein Schaukelpferd, kein Dreirad, kein Kindergeburtstag." Nun sitzt das groß gewordene, nach seiner gefühlten Biografie suchende Kind während der anstrengenden Reise in einem alles andere als bequem zu bezeichnenden Zug und blickt in die Nachkriegszeit in der ostwestfälischen Provinz zurück. Selbstironisch und selbstbewusst zugleich. Seine Erinnerungsreflexionen - sowohl stilistisch als auch inhaltlich - sind voller intelligenter, charaktervoller Komik, die mit unerwarteter Leichtigkeit die längst verblichene Vergangenheit wieder lebendig macht.

Doch allein bei dieser Vergangenheit bleibt es nicht. Denn Hans-Ulrich Treichels "Anatolin" ist auch ein weit über das Eigenerlebte reichender Versuch des Autors, dem autobiografischen Erzählen auf die Spur zu kommen. Und wie viel autobiografische Selbstspiegelung verträgt die Literatur? Anscheinend soviel, dass keine Selbstverleugnung zu entstehen droht, eine Art Krankheit, die Treichel "Morbus biographicus" nennt - "eine Haltung, die darauf zielt, biografische Erfahrung um jeden Preis abzuwehren."

(Die Rezension erschien am 13. Juni 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost und in Welt kompakt)