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Leo Tolstoi: Kreutzersonate

Ein Ehemann, der seine Frau hasst - Der russische Graf Leo Tolstoi verfasste mit der „Kreutzersonate“ (1889) ein Plädoyer für die Scheidung

Von Marina Neubert

Sofia Tolstaja wandte sich 1889 an den russischen Zaren, um sich über das neue Werk ihres Ehemannes zu beklagen. Sie fühlte sich darin persönlich attackiert. Der Fall wurde öffentlich und war monatelang Gesprächsstoff der russischen Oberschicht. Die Tolstaja konnte ihrem Mann bis ins hohe Alter seine Novelle "Die Kreutzersonate" nicht verzeihen. Verständlicherweise, denn ihr ganzes Eheleben lang litt sie unter seiner Sexbesessenheit, seiner Launenhaftigkeit, seinem Misstrauen, seiner Streitsucht. Und nun ließ er in der "Kreutzersonate" das alles in brutaler Offenheit auch noch publik werden.

Eigentlich hätte die kultivierte Öffentlichkeit seinerzeit Tolstois Angriff auf die eigene Frau zurückweisen müssen. Die Grenze des Literarischen, des Ästhetischen war in der "Kreutzersonate" bei weitem überschritten. Und dennoch hatte seine Novelle einen Riesenerfolg. Warum? Weil der berühmte Schriftsteller Leo Tolstoi seine Intimität zur Schau stellte oder weil die Schadenfreude über das Unglück einer der angesehensten Familien Russlands so groß war? Nein, "Die Kreutzersonate" hatte ihren Erfolg vor allem aus einem Grund: Sie versetzte die russische Aristokratie in Schrecken. Viele Ehemänner fanden ihre eigenen Gedanken in den Äußerungen von Tolstois Hauptfigur Posdnischew wieder. Der reflektiert über die Sinnlosigkeit der Ehe mit einer Frau, mit der man Kinder zeugen und bis zum Lebensende zusammenleben muss, obwohl die Liebe längst vergangen ist. Und viele Frauen lasen ihrerseits mit Erschrecken in den Monologen Posdnischews die unausgesprochenen Worte ihrer eigenen, lieblosen Ehemänner.

In der "Kreutzersonate" bringt Posdnischew seine Frau um. Er wird frei gesprochen, weil die Richter überzeugt sind, er habe aus Eifersucht gehandelt. Doch ist das Tragische an dieser Geschichte, dass er nicht aus Eifersucht sondern aus einem Rachegefühl heraus tötet. Er rächt sich an seiner Ehefrau für den jahrelangen Hass aufeinander. Was für ein grausames Signal an den damaligen Leser, und was für eine Ausweglosigkeit! Aber zugleich ein Stück trostloser, bitterer Wahrheit. Auch Graf Tolstoi wurde mit zweiundachtzig Jahren seines Familienlebens derart überdrüssig, dass er einen Gehstock in die Hand nahm und vor seiner Frau floh - um schließlich 1910 als einfacher Bauer auf einer Bahnstation zu sterben.

In gewissem Sinne hatte Tolstoi "Die Kreutzersonate", zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen, in der spektakulären Flucht aus seinem gesellschaftlichen Dasein fortgesetzt. Das Streben nach Liebe und Leidenschaft hatte er in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten als Grund für alle zwischenmenschlichen Probleme gedeutet. Was den Autor von "Krieg und Frieden", "Anna Karenina" und "Auferstehung" zu dieser Schlussfolgerung bewegt hat, bleibt fraglich.

Wahrscheinlich verändert sich auch bei einem Genie im Alter das Verhältnis zu Aufgaben und Pflichten. Während Tolstoi in jungen Jahren wenigstens versuchte, sein Gesicht nach außen zu wahren, um mit der geltenden gesellschaftlichen Moral annähernd konform zu sein, so riss er sich im Alter alle Masken herunter. Und machte nicht mehr das, was allseits als moralisch galt, sondern nur noch das, was er von nun ab für seine eigene Wahrheit hielt. Tolstois letzte Wahrheit war leider unmoralisch. Weil sie sich auf Kosten der eigenen Frau behauptete.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 31. Juli 2007)