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Ljudmila Uitzkaja erhält Russischen Buchpreis 2007

Daniel Stein

Der jüdische Mönch: Ljudmila Ulitzkaja beschreibt in "Daniel Stein" einen zweifelnden Gläubigen

Von Marina Neubert

"Soll mir doch deine Story den Buckel runterrutschen!", sagte einmal ein älterer Herr während einer Lesung von Isaac Bashevis Singer in einem jüdischen Rentnerclub und verließ wütend den Saal. Nicht jüdisch genug soll ihm die vorgelesene Geschichte gewesen sein. Sein Nachbar bemängelte an ihr allerdings nur, dass sie nicht sozialistisch genug sei. Nun riskiert bekanntlich jeder Autor, der es allen Seiten Recht machen möchte, dass er von allen Kritik erntet.

Auf Widerspruch stößt auch Ljudmila Ulitzkajas jüngstes Werk "Daniel Stein", das kein Roman ist, sondern viel mehr ein aus Einzelschicksalen collagiertes Opus Magnum der jüdisch-russischen Sinnsucherin, die vor einigen Jahren zum Christentum konvertierte. Im Buch wirft Ulitzkaja neben der Beschreibung von Leben und Weg des Karmelitermönchs Daniel Stein eine Reihe von Fragen nach Gottesgerechtigkeit oder nach den Grenzen des Humanen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts auf.

Ulitzkajas monumentale Lebensgeschichte des katholischen Priesters Daniel Stein - sein historisches Vorbild Daniel Rufeisen lernte die Autorin im August 1992 kennen, als er auf dem Weg nach Weißrussland in ihrer Moskauer Wohnung Station machte - kann von vielen durchaus als nicht katholisch genug aufgenommen werden. Noch wahrscheinlicher ist es aber, dass die Schicksalsaufarbeitung des polnischen Juden Stein - er organisierte die Flucht von Hunderten Juden aus dem Emsker Ghetto, wurde selbst von den Nazis mehrfach zum Tode verurteilt, versteckte sich in einem Nonnenkloster, konvertierte dort aus Protest gegen den jüdischen Gott, der so viel Leid für sein Volk zuließ, zum Christentum und bezeichnete sich dennoch als Jude - als nicht jüdisch genug interpretiert wird.

Sein heftiges Bemühen um die israelische Staatsbürgerschaft, um die Zugehörigkeit zu dem Land, in das er 1959 emigrierte, um dort eine jüdisch-katholische Gemeinde nach dem Vorbild der ersten christlichen Kirche in Jerusalem zu gründen, kann als nicht israelisch genug gedeutet werden. Und seine Glaubensmission in Haifa, wo er mehr als dreißig Jahre lang viele atheistische Juden zu "christlichen Juden" taufte, wiederum als nicht zionistisch genug. Der Mönch starb tragisch, vermutlich bei einem als Unfall getarnten Attentat.

Zweifellos bietet dieses voluminöse, aus halbwahren, halberfundenen Briefen, Tagebüchern, Aufzeichnungen der Gespräche, Vorträgen, Predigten zusammengesetzte Werk, in seiner Form oft undurchschaubar, genügend Raum für Widersprüche. Denn wer nach einem Weg sucht, der kann sich auch hin und wieder verirren.

Deshalb ist Ulitzkajas Versuch, das Leben eines Gerechten, der die scheinbar unüberwindliche Kluft zwischen jüdischem und christlichem Glauben überbrückte, literarisch einzufangen, mehr als beachtenswert. Es ist die Suche nach dem einzig möglichen Umgang mit den Mitmenschen, der auf Liebe und Toleranz basiert - unabhängig von der Glaubensrichtung.

Mit Sicherheit werden sich sowohl die Freunde des Buches als auch seine Widersacher in einem Punkt einig sein: Ulitzkaja hat mit ihrem Bruder Daniel, einem nach dem Sinn des menschlichen Leidens suchenden, auf die Erlösung vergeblich hoffenden Juden, ein Denkmal der Barmherzigkeit gesetzt.

(Die Rezension erschien am 20.2.2009 in der Berliner Morgenpost)