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Daniel Stein

Ljudmila Uitzkaja erhält Russischen Buchpreis 2007

Die gut gelaunte Stimme Moskaus - Ljudmila Ulitzkaja wurde im November 2007 der wichtigste Literaturpreis Russlands zuerkannt

Von Marina Neubert

Niemand sollte sich darüber wundern, wenn irgendjemand einen großen nationalen Literaturpreis erhält. Wir sollten uns lieber fragen, warum ein anderer ihn nicht bekommen hat? Was muss ein Autor erfüllen, um heutzutage als Vertreter seiner Buchnation gepriesen zu werden? In diesem Jahr wurden beispielsweise keine Schriftsteller, sondern Journalisten für ihre publizistischen Werke mit den begehrten französischen Literaturpreisen "Prix Fémina" und "Médicis" ausgezeichnet. Und warum wurde der Deutsche Buchpreis 2007 nicht an Ulrich Peltzers Roman "Teil der Lösung", sondern an Julia Francks "Die Mittagsfrau" verliehen? Wie immer wird gezweifelt an objektiven Kriterien, an glaubwürdigen Garantien für solche Entscheidungen. Der italienische Philosoph Gianni Vattimo meint, dass "wir naiv sind zu glauben, dass ein Preis für irgendetwas noch ein Garant sein kann."

Was garantiert denn Julia Francks preisgekrönter Roman? Er steht weder für epochale Erkenntnisse, noch für eine gewaltige Sprachkunst. Aber der überaus sinnlich erzählte Familienroman ist zweifellos mehrheitstauglich. Er garantiert reichlich Leser.

Doch große Literatur ist in Wahrheit eine Außenseiterin, die das entdeckt, was in der Gesellschaft übersehen wird, die provoziert und verstört. Und wer die bedeutendsten Verstörer der Mehrheitstauglichkeit willen in ihrer Anerkennung übergeht, nimmt bittere Folgen für die Literatur in Kauf.

Gestern Abend hat die russische Literaturakademie den Gewinner des diesjährigen, mit drei Millionen Rubel dotierten Nationalbuchpreises "Bolschaja kniga" verkündet. Die wichtigen literarischen Verstörer Juri Mamlejew und Vladimir Sorokin kamen nicht einmal für die Longlist in Betracht. Die 64-jährige Bestsellerautorin Ljudmila Ulitzkaja, die gut gelaunte Stimme Moskaus, hat mit ihrem autobiographischen Roman "Daniel Stein, der Dolmetscher" das Rennen gemacht. In Deutschland ist sie unter anderem durch die Romane "Die Lügen der Frauen", "Sonetschka" oder "Medea und ihre Kinder" bekannt geworden. Was garantieren nun Ulitzkajas Bekenntnisse in ihrem neuen, preisgekrönten Roman, in dem die Hauptfigur, der gebürtige Jude Stein, genau wie die Autorin selbst, zum Christentum übertritt, damit hadert und sich letztendlich für das Miteinander der beiden Religionen entscheidet? Literatur als Mittel, als Garant für Versöhnung - so die Jury.

In den kommenden Tagen wird auch der große Literaturpreis Premio Nacional de las Letras Espanolas verliehen. Der spanische Quergeist Javier Marías, der kürzlich den letzten Teil seiner Trilogie "Dein Gesicht morgen" veröffentlicht hat, schaffte es auch nicht unter die Finalisten. Mit seinem düsteren Blick auf die menschliche Wandlungsfähigkeit sorgt er für allzu große Kontroversen in Spanien. Bei der Buchvorstellung in Madrid zeigte er sich dem ganzen Literaturbetrieb gegenüber abgeneigt und kündigte an, keine Romane mehr schreiben zu wollen. Hielte er Wort, wäre es garantiert ein Verlust für die Gegenwartsliteratur und ein hoher Preis für eine nicht vergebene Literaturtrophäe.

(Die Kolumne erschien am 23. November 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)