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Martin Walser: Ein liebender Mann

Alte Männer lieben unschuldig

„Ein liebender Mann“: Martin Walser hat einen Roman über Goethe und sich selbst geschrieben

Von Marina Neubert

Ein vierhundertjähriger Baum wird öfter bewundert als ein vierjähriger. Ähnlich empfinden wir bei einem Möbelstück, einem Buch, einer Fayence – je älter desto schöner. Aber warum gilt ein alter Mensch nicht mehr als sehenswürdig, sondern eher als peinlich? Es ist kein Phänomen der Neuzeit, dass sich die Jüngeren lieber von den Älteren distanzieren, um ungehemmt dem Phantom der ewigen Jugend nachzujagen. Dabei erklären sie die Alterserscheinungen übereilt für unappetitlich und vergessen eine Kleinigkeit: Jeder wird einmal alt.

Sich im hohen Alter in eine Jüngere zu verlieben, gilt nach wie vor als peinlich. Dass sich nun die klügsten Geister aller Zeiten gegen diesen Konsens der Jüngeren wehrten und immer noch wehren, ist kein Wunder. Der 73-jährige Goethe mit seiner Leidenschaft für die blutjunge Ulrike von Levetzow war keine Ausnahme. Er könnte seine Liebesschmerzen, die er in der unvergesslichen „Marienbader Elegie“ niederschrieb, ebenso mit dem alten Anakreon teilen, der sich den „Würfelspielen des jungen Eros“ ergab und seine Angebetete vergebens anflehte, „Oh, höre mich alten Mann an, seidenhaarig goldgewandig Mädchen!“ Ebenso schrieb sich der große Italo Svevo kurz vor seinem Tod, mit siebenundsechzig, den Kummer von der Seele und verfasste seine letzte und schönste Erzählung "Der alte Herr und das schöne Mädchen".

Auch Martin Walser schrieb mit seinem neuen Roman „Ein liebender Mann“ über Goethes letzte große Liebe sein bislang wohl schönstes und weisestes Buch. Das Lieben mit Altersgefälle beschäftigte Walser als literarisches Thema – manchmal als vorsichtige Bejahung, meistens jedoch als Infragestellung – bereits seit Jahren. In der „Brandung“ (1985) verliebte sich beispielsweise ein Gastprofessor in eine Studentin, im Roman „Der Augenblick der Liebe“ (2004) ein Privatgelehrter in eine Jahrzehnte jüngere Wissenschaftlerin. Die beiden reifen Herren ließ der Autor allerdings in die Arme ihrer Ehefrauen zurückkehren. Den Anflug einer Entschuldigung, ja Rechtfertigung hatten bislang seine Versuche, sich diesem Thema zu nähern. Doch mit dem Roman „Ein liebender Mann“ hat der 81-Jährige alle bisherigen Hemmnisse überwunden, um zu sich selbst zu stehen – sogar um den Preis der Peinlichkeit. Von allen Vorurteilen losgelöst gestand er einem alten Mann beides zu: Sowohl die Liebe als auch das Scheitern.

„Er ging ins Schlaffzimmer, legte sich, wie er war, aufs Bett und suchte bei den Figuren seiner Bücher nach einem Satz, der ausdrückte, was ihn jetzt beherrschte“, so beschreibt Walser in seinem Roman den Zustand Goethes, als es ihm klar wurde, dass er ohne Ulrike von Levetzow gar nicht mehr leben konnte. Auch Walser sucht in diesem für seine Verhältnisse sehr knapp verfassten Buch bei seinem literarischen Leidensbruder Goethe nach einem Gefühl, das ausdrücken vermag, was er selbst endlich auszusprechen wagt: Das liebende Begehren eines alten Mannes ist unschuldig.

Der 73-jährige Goethe verliebt sich in die erst 19-jährige Ulrike von Levetzow, der er 1823 in Marienbad zum zweiten Mal in seinem Leben begegnet. Aus freundschaftlicher Nähe erwächst eine Art (Liebes)Beziehung, bei der nur mit Worten und Blicken, mit Gesten und Augen geküsst wird. Denn beim Küssen, sagt Goethe selbst, komme es nicht auf die Münder, die Lippen an, sondern auf die Seelen. Doch Seele hin – Seele her, das Alter holt den Meister ein. Auf einem Kostümball stürzt er und schämt sich entsetzlich für diese Peinlichkeit. Der Heiratsantrag, den er Ulrike trotzdem macht, erreicht sie erst, als ihre Mutter mit ihr nach Karlsbad weiterreisen will. Nach Weimar zurückgekehrt, beginnt Walsers verzweifelter Goethe leidenschaftliche Briefe an sie zu verfassen, die der wirkliche Goethe nie geschrieben hat. Doch zu einem Wiedersehen, gar zur Heirat kommt es trotz all seiner Bemühungen nicht mehr.

„Ich hoffe noch“, schreibt Goethe, „Aber ich weiß, es ist aussichtslos.“ Doch es war eine Art von Aussichtslosigkeit, durch die Walser sich mit seiner Romanfigur stark verbunden fühlt und die nur Dichtern eigen ist: „Er hatte sich geübt“, vermerkt er über Goethe, „ihre Abwesenheit als ihre Form der Anwesenheit zu denken.“ Es war zwar der Abschied von der Liebe, doch zugleich auch der Beginn der letzten und produktivsten Schaffensphase Goethes, aus der der zweite „Faust“ hervorging. So schrieb Walser zwar einen Roman über die letzte Leidenschaft eines alten Dichters, aber eigentlich ist ihm ein Buch geglückt, das jeden Dichter freispricht: Auf dem Boden der Hoffnung darf Poesie entstehen.

Mit diesem Roman über den alternden Goethe, für den die junge Angebetete auf keinen Fall nur ein Objekt der Begierde, sondern ein von ihm ernst zu nehmendes Subjekt seiner großen Liebe war, hat sich Martin Walser endgültig mit sich selbst versöhnt. Ebenso wie sein Leidensgenosse Philip Roth, der kürzlich in einem Gespräch über sein neues Buch „Exit Ghost“ die Bemerkung eines jungen New Yorker Journalisten, alte Männer sollten doch lieber lernen, mit ihrem Alter besser umzugehen als sich in eine Jüngere zu verlieben, parierte: „Ein alter Mann muss sich nicht dafür entschuldigen, worauf ein Junger stolz ist!“

Martin Walser: Ein liebender Mann. Rowohlt Verlag Reinbek, 288 Seiten, 19,90 Euro.