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Michal Zamir: Das Mädchenschiff

„Das Mädchenschiff“: Michal Zamirs Rekrutin ist den Offizieren ausgeliefert

Von Marina Neubert

Junge Frauen müssen in Israel Wehrdienst leisten. Es ist nicht ihre eigene freie Entscheidung, die die Mehrheit der jungen Israelinnen zum zweijährigen Soldatentum treibt. Die israelische Schriftstellerin Michal Zamir, die selbst ihren Militärdienst ableistete, hat zwanzig Jahre später in ihrem Roman "Das Mädchenschiff" ihre Erinnerungen an die Absurdität dieser Pflicht und die Brutalität einer Armeehochschule mit blutjungen Frauen und älteren männlichen Offizieren aufgeschrieben. Zamir hatte als Achtzehn- bis Zwanzigjährige ihren Armeedienst abgeleistet, betont jetzt aber, dass dieser Roman nicht autobiografisch zu verstehen sei.

Ihre junge Heldin tritt den Wehrdienst auf einem Fortbildungsstützpunkt für höhere Offiziere an. Die Kaserne gleicht einem Schiff, das die Mädchen für zwei Jahre auf ein fremdes Meer entführt. Träume von Karriere, Liebe und Familie sind an der Gangway abzugeben, denn in den Waffenkammern, Schreibstuben und Schlafsälen sind die jungen Rekrutinnen den Offizieren schutzlos ausgeliefert.

Dank der guten Verbindungen ihres einflussreichen Vaters kann Zamirs Heldin dort als Bürokraft arbeiten, den Samowar betätigen und den Männern Kaffee servieren. Doch was entspannt und auf den ersten Blick normal beginnt, entwickelt sich bald schon zu einer Tragödie. Denn die junge Frau wird während ihrer Militärzeit fünfmal schwanger - es passiert, noch bevor sie überhaupt das zwanzigste Lebensjahr erreicht hat. Sie schläft wie ein Roboter mit den ältlichen Offizieren, die die Militärschule leiten. Sie tut es, weil jene Männer ihre nicht deutlich genug ausgedrückte Abscheu zu ignorieren wissen.

Michal Zamirs Roman handelt jedoch nicht nur von sexueller Belästigung, die in der Armee offenbar weit und breit zur Normalität gehört. "Ich hätte so gern, dass er mich umarmt", sagt ihre Heldin über einen ihrer unzähligen Bettgenossen. Aber sogar ein gewöhnlicher Ausdruck menschlicher Wärme bleibt dieser jungen Frau verwehrt. Zamirs Roman erzählt ohne Pathos und Gefühlsergüsse, sondern im schlichten Ton, teilweise selbstkritisch und ironisch, über jene Art von Grenzerfahrung, die wohl jede erwachsen werdende Frau am Sinn ihrer weiblichen Existenz zweifeln lassen muss.

(Die Rezension erschien am 8. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)