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Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld

"Eine ekelhafte Ehe" - Leo Tolstois Ehefrau Sofja hinterließ die Novelle "Eine Frage der Schuld"

Von Marina Neubert

"Es gibt keine Liebe", schrieb einmal der Junggeselle Leo Tolstoi in sein Tagebuch, "es gibt nur das körperliche Verlangen und das vernünftige Bedürfnis nach einem Lebenspartner". Dieses Tagebuch sollte im Jahr 1861 seine 18-jährige Verlobte Sofja (Tolstoi selbst war zu jener Zeit bereits 33 Jahre alt) lesen - "der Wahrheit halber". Sie durfte wenige Tage vor der Hochzeit von seinen "Talenten" als Trinker, Spieler und sexbesessener Frauenverführer erfahren. In ihrer dreißig Jahre später niedergeschriebenen Novelle "Chja vina?" (Wessen Fehl?) - die nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung, gründlich ediert und mit einem kenntnisreichen Nachwort von Ursula Keller versehen, als "Eine Frage der Schuld" erschienen ist - wird die hochtalentierte Autorin, die im Schatten des literarischen Genies Leo Tolstojs ihr Dasein als Mutter von dreizehn Kindern, Haushälterin und zum Schluss als verhasste Ehefrau fristete, sich an diesen Tag als ersten Beweis der absoluten Unvereinbarkeit mit ihrem Ehemann erinnern.

Eine Liebe war es wahrlich nicht. Dafür aber eine mehr als ein halbes Jahrhundert dauernde Ehe, "ein ekelhaftes, beschämendes Verhältnis", in dem zwei Ehepartner einander nicht verzeihen konnten, dass sie sich lediglich "fleischlich", aber nicht "seelisch" begehrten. Denn deren ganzes Leben litten sie unter der fehlenden "Reinheit" und "Lauterkeit" ihrer Gefühle. Insbesondere Sofja, die sich außerdem noch um ihre mädchenhaften Liebesutopien betrogen fühlte. Ihr Mann, der in der Novelle "Eine Frage der Schuld" als eifersüchtiger, misslaunischer, despotischer Fürst Prosorskij auftritt, habe "die besten Seiten ihres Ich umgebracht."

Doch nicht als Anklage hat sie ihr schmales Büchlein konzipiert, sondern als eine Antwort auf Tolstojs "Kreutzersonate", in der die Hauptfigur Posdnischew seine Frau aus Hass umbringt, und ein Versuch, die Tragödie ihrer eigenen Ehe aus der Perspektive einer weiblichen Hauptfigur - Anna Prosorskaja - zu betrachten. Die Beschreibung der gemeinsamen Kutschfahrt der frisch Vermählten auf dem Weg zum Gut von Prosorskij, bei der der Fürst seine noch unschuldige Frau Anna in aller Triebhaftigkeit und Rücksichtslosigkeit überrumpelt, stellt sich als Beginn und Ende ihrer Gefühle dar. Tolstaja versucht, das "zweitwahre" Gesicht des großen Humanisten und Menschenfreundes Leo Tolstoi zu entlarven, indem sie ihm vorwirft, über seine Triebhaftigkeit Bescheid gewusst und sie nur noch als ein "seelenloses" Objekt benutzt zu haben.

Jahrelang schwieg sie und ertrug ihr Schicksal, stellte ihre erzählerische Begabung hinter der ihres Mannes zurück, wobei sie neben den damals in Russland schreibenden Autorinnen wie Anna Blumina, Sinaida Wolkonskaja oder Karolina Pawlowa hätte mit Sicherheit auch Beachtung finden können. Nur einmal, 1889, nachdem Tolstois "Kreutzersonate" erschienen war, trat die 45-jährige Sofja Tolstaja kurz an die Öffentlichkeit und wandte sich persönlich an den russischen Zaren, um sich über das neue Werk ihres Ehemannes zu beklagen. Seine Sexbesessenheit, seine Launenhaftigkeit, sein Misstrauen, seine Streitsucht und vor allem die unendliche Abneigung ihr gegenüber ließ Tolstoi nun in der "Kreutzersonate" in brutaler Offenheit publik werden. Sie dagegen ließ ihre kurz darauf niedergeschriebene Antwort-Novelle unveröffentlicht.

(Die Rezension erschien am 21. November 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost und am 7. Januar 2009 in Welt kompakt)