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Uwe Timm: Halbschatten

Tragische Geschichte einer jungen Fliegerin - Uwe Timms „Halbschatten“ spielt auf dem Invalidenfriedhof

Von Marina Neubert

Es ist unheimlich, wenn die Toten sprechen. Vor etwa fünfzig Jahren fing man an, vom "Stimmenphänomen" gar als Forschungsobjekt zu sprechen, nachdem der schwedische Opernsänger Friedrich Jürgenson die ersten Stimmen aus dem Jenseits auf sein Tonbandgerät aufgenommen haben wollte. Wie dem auch immer sei, es ist nicht auszuschließen, dass Uwe Timm - Autor der berühmten Soldatenwitwen-Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" (1993), die vor kurzem von Ulla Wagner mit Barbara Sukowa als Lena Brücker in der Hauptrolle verfilmt wurde - sich genau von diesem unheimlichen Phänomen seine Erzählform für den neuen Roman "Halbschatten" (Longlist Deutscher Buchpreis 2008) abgeschaut hat.

Denn das Totengeflüster als literarische Form - Stimmen der verstorbenen Zeitzeugen der deutschen Geschichte, die der Erzähler in Timms Roman beim Besuch ihrer Grabstätten "hört" - übernimmt tatsächlich eine Art Brückenfunktion zum längst Vergangenen. Und nichts scheint den 1940 geborenen Schriftsteller mehr zu interessieren als die deutsche Vergangenheit. Ihre Vorherrschaft und ihre Hilflosigkeit, ihre Wahrheiten und ihre Trugbilder, aber vor allem ihr Einfluss auf das Schicksal des Einzelnen.

Schon in seinem vor sieben Jahren gefeierten Roman "Rot" setzte sich Uwe Timm mit verlorenen Hoffnungen und falschen Utopien unserer Geschichte am Beispiel der Lebensläufe der 68er auseinander. Und zwei Jahre später schrieb er die Geschichte seines eigenen Bruders auf, der bei der Waffen-SS war - sein bis heute vielleicht persönlichstes und eindringlichstes Buch "Am Beispiel meines Bruder" (2003), das damals eine Diskussion über die deutsche Erinnerungskultur in den Medien auslöste.

Nun widmet sich Uwe Timm in seinem neuen Roman "Halbschatten" wieder einmal dem Schicksal einer der markantesten und tragischsten Zeitzeuginnen der deutschen Geschichte, der Fliegerin Marga von Etzdorf (1907-1933), der ersten Frau, die von Europa nach Japan flog. Und wieder, wie so oft bei Timm, vermischen sich die Fakten mit subjektiver literarischer Darstellung zu einem Mosaik der Wahrheitssuche.

Es ist nichts Ungewöhnliches, das der Autor sich auf dieser Suche zum Berliner Invalidenfriedhof begibt. Denn genau dort liegen reale deutsche Biografien begraben, inmitten der preußischen und reichsdeutschen Offiziere und NS-Heerführer, die sich auf einmal an den Erzähler und seinen Friedhofsführer wenden, zu "sprechen" beginnen, sich erklären, zum Teil auch rechtfertigen wollen.

Neben der jungen Fliegerin Marga von Etzdorf, die als 26-Jährige nach einer Bruchlandung in Syrien im Mai 1933 Selbstmord beging, liegen dort der Reformpreuße Scharnhorst, der Held der Befreiungskriege gegen Napoleon, aber auch der SS-Obergruppenführer Heydrich, Organisator der systematischen Judenmorde. Dort liegt ebenso der junge Diplomat und ehemalige Jagdflieger Christian von Dahlem, mit dem Marga eine ungewöhnliche Nacht des Erzählens verbrachte und sich in ihn unsterblich verliebte. Und mittendrin liegt auch der Zeuge ihrer nicht erwiderten Liebe, der Schauspieler Miller.

Er war bei Margas gefeierter Landung in Japan dabei, wo sie Christian von Dahlem begegnete. Er war dabei, als Dahlem ihr anbot, in seinem Zimmer in Hiroshima zu übernachten. Und er war auch der Zeuge ihrer augenscheinlichen Veränderung nach dieser Nacht: Zum ersten Mal im Leben schien die bis dahin unabhängige, draufgängerische, fruchtlose Marga von Etzdorf nach der Begegnung mit Christian von Dahlem den Wunsch zu verspüren, "Obhut zu geben und in Obhut genommen zu werden". Der sensible Schauspieler Miller hat es als erster erkannt. Er war auch derjenige, dem Marga wenige Minuten vor ihrem Selbstmord das Päckchen mit dem Silberetui - Christian von Dahlems Glücksbringer - als Andenken zuschickte.

Doch was geschah in dieser schicksalhaften Nacht in Japan, als Dahlem auf der einen und Marga von Etzdorf auf der anderen Seite des Zimmers, nur durch einen Gaze-Vorhang von ihm getrennt lag? Keine Körperlichkeit, keine Erotik, sondern etwas viel Größeres entstand - Vertrauen. Sie erzählten einander ihr Leben. Und dieses Erzählen - Margas Erinnerungen an die Kindheit, an ihre Flüge, Dahlems Erzählungen von den Schützengräben und Luftkämpfen des Ersten Weltkriegs, all die Worte, die sie einander anvertrauten - erstreckt sich über den gesamten Roman, unterbrochen von den Stimmen der Zeitzeugen.

Kurz nach ihrem Japanflug startete Marga zu einem Flug nach Australien. Bei einer Bruchlandung in Syrien wurde ihr Flugzeug stark beschädigt. Sie selbst blieb unverletzt, beging jedoch nur wenige Stunden später Selbstmord. Uwe Timm lässt die Stimme von Miller über die Gründe spekulieren: "Es war der Schmerz des Verrats, der in der erweckten und nicht erwiderten Liebe liegt. Und dann: Dahlem hatte sie Heymann und dem Mann mit dem zuckenden Gesicht ausgeliefert."

Hat sich Marga von Etzdorf aus Scham über das eigene Versagen erschossen? Oder weil sie erkannte, dass sie mit ihrem Flug nach Syrien, den ihr Dahlem vermittelt hatte, von den Nazis als Spionin eingesetzt wurde? Die Antwort lässt Uwe Timm offen.

Doch seine außergewöhnliche Fähigkeit, das Schicksal der einzelnen Person mit dem Zeitgeschehen so eindrucksvoll, unaufdringlich und authentisch zu verbinden, machte es möglich, am tragischen Beispiel der Marga von Etzdorf - die eigentlich nichts weiter in ihrem Leben wollte, als den Traum vom Fliegen und Lieben zu verwirklichen -, zu zeigen, wie ein schuldloses Schicksal unwillkürlich zum Opfer deutscher Kriegsgeschichte wurde.

(Die Rezension erschien am 26. September 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)