Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Ilse Webers Gedichte aus Theresienstadt

Ilse Webers berührender Nachlass "Wann wohl das Leid ein Ende hat"

Von Marina Neubert

Ein altes jiddisches Sprichwort besagt: Das Licht der Wahrheit spiegelt sich in Kinderaugen am hellsten. Vielleicht ist es einer der Gründe, warum Ilse Weber (1903-1944), deutsch-jüdische Lyrikerin aus Witkowitz in Mähren, am liebsten Kinderbücher schrieb, Kinderlieder komponierte und Hörspiele für Kinder machte. Als die junge Ilse sechzehn Jahre alt war, schrieb sie in einen Fragebogen auf die Frage "Kleine Leidenschaft" kurz und knapp: Kinder. Wie authentisch ihre Antwort war, beweist auch das lyrische und sehr persönliche Vermächtnis der 1944 in Auschwitz ermordeten Autorin, von Ulrike Migdal in einem Band "Wann wohl das Leid ein Ende hat" zusammengefasst und mit einem eindrucksvollen Nachwort versehen.

Die Herausgeberin hatte bereits 1986 eine Anthologie mit Liedern und Satiren aus Theresienstadt veröffentlicht, darin ein Gedicht mit dem Titel "Brief an mein Kind" von einer unbekannten Autorin, an das sich eine Überlebende lediglich vom Hören her erinnern konnte. Wenig später meldete sich ein schwedischer Journalist bei Ulrike Migdal, der offenbarte, dass die Unbekannte seine ermordete Mutter Ilse Weber und er selbst "der kleine Hannerle" sei.

Ilse Weber hatte zwei Söhne. Der Ältere, Hanus Weber, arbeitet heute für den Schwedischen Rundfunk. Der Kleinere, Tomás, ist als Zehnjähriger zusammen mit seiner Mutter in den Gasöfen von Auschwitz gestorben. Hätte Ilse Webers Ehemann Willi in der kurzen Zeit, die ihm vor seinem Abtransport nach Auschwitz blieb, die meisten Gedichte und Liedtexte seiner Frau nicht in einem alten Geräteschuppen in Theresienstadt versteckt und unmittelbar nach dem Krieg wieder hervorgeholt, wäre Ilse Webers Nachlass verloren gegangen. Dabei zählt er neben den vor sechs Jahren erschienenen Briefen der ebenfalls in Auschwitz ermordeten Lilli Jahn ("Mein verwundetes Herz") zu den wichtigen, persönlichen Zeugnissen jener Schreckenszeit.

Im Nachlass der zusammen mit Mann und Kind nach Theresienstadt deportierten Ilse Weber sind ebenso Briefe erhalten - die frühesten sind auf 1933 datiert -, die sie an Freunde und Verwandte, vor allem aber an ihren Sohn Hanus (er ist der Deportation bei Verwandten in England und Schweden entkommen) geschrieben hat. Die Briefe der liebenden "Maminka" an ihren "Hannerle" lassen sich heute auch als eine Art Selbsttherapie lesen, die einer zum Tode verurteilen Mutter dazu verhalf, wenigstens einem ihrer Kinder Mut zuzusprechen. 1941 schreibt sie freudig an ihren Sohn: "Hanusku, Du bist doch ein richtiger Trulala! Ich habe die Zeitschrift 'Mladý hlasatel' für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt, Du wirst sie also für den Rest des Schuljahres bekommen. Tausend Küsse, Mami." Einst hat man Roberto Benigni vorgeworfen, er habe im Film "Das Leben ist schön" von der Perspektive des Kindes bei der Holocaustdarstellung profitiert. Doch genau das geschieht Ilse Weber, in deren Briefen und Gedichten "an mein Kind" sich die Hoffnung einer Erwachsenen spiegelt, nicht.

Lange Briefe, denen oft Gedichte - die in Theresienstadt tröstend von Hand zu Hand gingen - kommentarlos beigefügt wurden, sind für Ilse Weber exemplarisch. In einem knappen, emotional gefassten Brief an ihre Tante Gertrude (November, 1940), in dem die besorgte Mutter bittet, sie über den genauen Aufenthaltsort von Hanus zu informieren, ist eines der ergreifendsten ihrer Gedichte erhalten, "Die Juden": " ... Hat doch sein schützend Obdach / selbst das gejagte Tier ... / Gehetzt von Neid und Missgunst, / wo finden Obdach WIR?"

(Der Beitrag erschien am 7. November 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)