Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Lesung mit Ingrid Lausund

Autorin Ingrid Lausund ist zu Gast beim „Literarischen Salon“ am Mittwoch, 16. September, um 19 Uhr, auf dem Potsdamer Theaterschiff in der Alten Fahrt. Moderation: Marina Neubert

Prosadebüt "Bin nebenan"

Luxus gegen die Einsamkeit - In ihrem Prosadebüt "Bin nebenan" beschreibt die Berliner Autorin Ingrid Lausund Überlebensstrategien

Von Marina Neubert

Ein Bad mit Ylang-Ylang-Duftkügelchen nehmen statt vom Partner umarmt zu werden, einen exquisiten, superteueren Esstisch kaufen statt gemeinsam zu kochen, eine Gummipuppe im Schrank verstecken und sie liebevoll "Fickmaus" zu nennen statt sich an ein lebendiges, weibliches Wesen heranzuwagen - mit neuen Esstischen, Sofas, Betten, Schränken, Fernsehgeräten, Badezusätzen á la "Body celebration" und übrigen Accessoires richten sich die Hauptfiguren aus Ingrid Lausunds zwölf tragikomischen Episoden "Bin nebenan. Monologe für zuhause" gegen die Einsamkeit ein.

Es koste, stehe, liege, hänge, dufte und schmecke, was es wolle. Die Hauptsache - ein Zuhause zu haben, um nicht ganz allein auf dieser Welt zu sein. Ein teures DC-Fix Badezimmer - mit der Holzklebefolie Mahagoni-Optik beispielsweise, in dem eine weibliche Hauptfigur aus einem der schönsten Monologe "Badezimmer" ihren Body Abend für Abend zelebrieren will, soll als Hilfsmittel gegen das Alleinsein dienen. Ein eingeschalteter Fernseher mit "kevin costner robin hood" im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer im Monolog "Globus" soll einer anderen Figur die Angst vor der Außenwelt nehmen, sie vor den Panikattacken der Abgeschiedenheit retten.

Ein stilvoll eingerichtetes, gesichertes Zuhause als Partner- und Familienersatz für die an Individualismus erkrankte Single-Generation. Die Idee an sich ist nicht neu, aber die 43-jährige Berliner Autorin Ingrid Lausund hat sie in einer eleganten Konsequenz zu Ende gedacht. Denn das Single-Dasein in Lausunds Kurztexten bedeutet nicht unbedingt, dass man allein wohnt, sondern dass man - auch mit einem Freund oder einer Freundin, die jederzeit austauschbar sind - eine beständige Single-Mentalität hat: Single als Charaktereigenschaft.

In ihrem Prosadebüt - Ingrid Lausund zählt zu den gefeierten Dramatikerinnen, deren Theaterstücke an großen deutschen Bühnen gespielt wurden - versuchen die Protagonisten, sich eine Art Zuhause einzurichten, das sie vor der bedrohlichen Außenwelt schützen und ihnen das Gefühl vermittelt soll, trotz des Alleinseins am richtigen Platz zu sein. Dieses Bedürfnis gibt selbst die Autorin zu, wenn sie über ihren Neuanfang in Berlin spricht. Auch sie versuche es im Moment, sich ein solches Zuhause im Prenzlauer Berg einzurichten.

Ihr selbst scheint es bis jetzt zu glücken. Doch die angestrebte Liaison der Figuren mit ihrem eigenen Zuhause lässt Ingrid Lausund fast in allen zwölf Monologen des neuen Buches entweder gänzlich scheitern oder nur noch für eine sehr kurze Zeit zur gelebten Wirklichkeit werden. Die männliche Hauptfigur aus dem Monolog "Fernseher" lässt beispielsweise für ein Wochenende die Sau raus und verwandelt die gemeinsame Wohnung in sein eigenes, autonomes Gebiet, während die Freundin zu einem Seminar fährt: "Ich wache auf und muss dringend kacken. Super. Darauf hats mich nämlich auch schon sehr gefreut, auf meine ausgedehnte Sitzung, herrlich, ich bin Kackomaniker, ich scheiß total gern. Natürlich nur, wenn ich wirklich meine Ruhe hab..." Doch sein Schweineglück endet vier Stunden vor der Ankunft der Freundin, weil die gemeinsame Wohnung wieder geräumt und gelüftet werden muss.

In einem gut durchdachten Aufbau der Geschichten zeigt Ingrid Lausund, wie wackelig die gegenwärtigen Lebensfundamente der meisten Singles sind und wie hilflos ihre Versuche wirken, sich das "eigene" Leben einzurichten: Mit kleineren Gegenständen, wie ein Sofa oder ein Fernseher, angefangen, bis hin zum Einrichten der größeren Sicherheitsmechanismen in Gestalt von Haus oder Grundstück. Dabei lässt die Autorin ihre sechs Männer und sechs Frauen - Lausunds Helden sind meist namenlose Archetypen im Beckettschen Sinne - weder irgendwelche folgenschwere Schicksalstorys erzählen noch über das freudlose Scheitern ihrer Einrichtungsversuche reflektieren.

Ganz im Gegenteil: Für ihre Prosa-Miniaturen, die sich als Kurzgeschichten lesen, bedient sich die Autorin der Kunst der Fotografie: Vorsichtig öffnet sie die Türen von zwölf völlig unterschiedlichen Wohnungen. Dort sind die Bewohner gerade unter vier Augen mit dem eigenen Alleinsein beschäftigt. Lausund macht zwölf Momentaufnahmen dessen, was sie gerade sieht oder hört. Diese detailgetreuen Aufnahmen bindet sie dann zu einem Fotoalbum zusammen, das über das innere Leben der Figuren - jede von ihnen sieht uns manchmal so erschreckend ähnlich, das man während der Lektüre am besten aufstehen möchte, um zu prüfen, ob die eigene Tür verschlossen ist - beinahe alles verrät. Man erkennt das Exemplarische im Einzelschicksal wieder, das Krankhafte im Gesunden. Und man ist gezwungen, dabei zu lächeln, weil all das auch noch so komisch ist, wie eben nur das wirklich Traurige komisch sein kann.

Dieses etwas bittere Lächeln ist eine der wichtigsten literarischen Eigenschaften Ingrid Lausunds. Kein blanker, beleidigender Zynismus, sondern ein kluges, demaskierendes und kritisches Lächeln. Über ihre Figuren, über ihre Zeit, über sich selbst. Denn Lausund gehört zu den Autoren, die sich in ihren Texten mit ernsten Themen bewusst, aber ohne heiligen Ernst auseinandersetzen. Dass man in ihren zwölf kurzen Monologen über Einsamkeit, Beziehungsunfähigkeit, Ich-Sucht und scheiternde Harmoniesucht - Themen, die ernsthafter kaum sein könnten und die unsere selbstverliebte Zeit am deutlichsten widerspiegeln - auch noch lächeln kann, ist eine ernst zunehmende Leistung der Autorin.

(Die Rezension erschien am 2. Januar 2009 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost sowie in Welt kompakt)