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Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff, Marina Neubert im Brecht-Haus

Lesung mit der Berliner Autorin Sibylle Lewitscharoff am 3. September 2009 um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus an der Chausseestraße 125 in Mitte. Moderation: Marina Neubert

Eines steht nach dem fulminanten Erfolg von Sibylle Lewitscharoffs „Apostoloff“ in diesem Frühling mit Sicherheit fest: Sie hat mit ihrer erzkomischen Road-Novelle durch Bulgarien das Land ihres Vaters zu einer postkommunistischen Ruine erklärt und damit die Nation gespalten. Deutsch lesende Bulgaren scheinen sich in Pro- und Anti-„Apostoloffs“ aufgeteilt zu haben: Man liebt das Buch oder man hasst es. Der Schriftsteller Ilija Trojanow liebt es. Der Dramatiker Boris Todorow hasst es. „Apostoloff“ muss schon viel in sich haben, um gleichzeitig so leidenschaftlich geliebt und gehasst zu werden. Und beides – wohlgemerkt – von ganzem Herzen.

Im Gespräch

Mitunter sind die Wege zur Literatur verschlungen: Sibylle Lewitscharoff studierte erst Religionswissenschaften, arbeitete danach als Buchhalterin und erfand "Satzbau", ein Grammatik-Brettspiel. Ihr Roman "Apostoloff", in dem eine spitzzüngige Ich-Erzählerin sich auf eine skurrile Bulgarien-Reise macht und das Land ihrer Vorfahren verhöhnt, erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Belletristik 2009. Marina Neubert führte das Gespräch mit der Autorin noch vor der Preisverleihung.

Frau Lewitscharoff, Thomas Bernhard nahm seinerzeit Preise zwar entgegen, verteufelte sich aber selbst dafür, weil er sich vom Literaturbetrieb instrumentalisiert fühlte. Werden Sie auch von solchen Zweifeln geplagt?

Sibylle Lewitscharoff: Nein, aber natürlich sehe ich ein Problem bei diesem Nominierungswesen, das jetzt den Literaturbetrieb beherrscht. Das hat auch seine strittigen Seiten, denn Bücher sind etwas anderes als Filme oder Schauspieler. Und der Versuch, rund um ein Buch Erregungen anzuhäufen, um es gut im Buchmarkt zu platzieren, geht in diese Richtung. Andererseits, wie will man ein Buch aus dem Meer der Bücher, die heutzutage erscheinen, heraus heben? Da kann ein Literaturpreis eine Hilfe sein.

Ihr "Apostoloff" ist eine sehr komische, bissige Road-Novelle durch Bulgarien, das Sie beiläufig zu einem vom Postkommunismus ruinierten Land erklären. Zum anderen aber ist es eine traurige Vater-Tochter-Geschichte. Ist sie autobiografisch?

Zum Teil. Ich suche mein Leben lang die Befreiung aus der Familie, und ich suche danach in der Kunst. Natürlich ist es etwas anderes, als seine Autobiografie zu erzählen. Ja, es geht mir im neuen Roman vor allem um meinen Vater, der 1941 aus Bulgarien nach Stuttgart kam, sich als Arzt niederließ und sich erhängte, als ich noch ein Kind war. Wenn man sich damit literarisch auseinandersetzt, dann erreicht man dadurch eine sprachliche Dichte, wodurch das Geschehene wieder näher rückt. Und auch im Traum bearbeitet wird. Natürlich verändert sich etwas. Aber ich glaube nicht an eine Art Fortschritt im Leben, allein dadurch, dass man schreibt. Ich denke eher, dass die Beziehungen zu den Eltern einem unaufhörlichen Wandel unterliegen. In jedem Lebensalter unterhält man andere Beziehungen zu seinen Eltern, auch in der Fantasie. Es gehört zum Lebendigsein, dass diese Dinge im Fluss sind. Mal sind sie aggressiver mal gnädiger. Ich bin sicher, dass ich in zehn Jahren anders über meinen Vater denken werde, als jetzt.

Sibylle Lewitscharoff beim Signieren im Brecht-Haus

"Apostoloff" wird zumeist als eine Art Abrechnung mit Ihrem Vater und seinem Land gesehen. Ist es nicht viel mehr eine kritische Selbstbetrachtung, bei der letztlich kein Urteil verkündet wird?

Ja, die Nicht-Verurteilung ist für mich mitunter das Wichtigste in diesem Roman gewesen. Ich habe immer wieder Zeichen und Hinweise eingebaut, die dem Leser zuflüstern sollen: Bitte nimm es nicht so, wie es hier steht. Und sei bitte vorsichtig: Die Ich-Erzählerin und ihre Schwester waren noch Kinder, als ihr Vater sich einen Strick nahm und sie verließ. Sie sind zwar auf den scheinbaren Finsterling wütend, auf seinen Selbstmord-Egoismus, aber sie können sich nicht genau an diesen Mann, an seine Gefühlswelt erinnern... Sein Bild ist sehr ambivalent.

Mit dem Buch sind Sie von der Deutschen Verlagsanstalt zu Suhrkamp gewechselt. Der Verlag zieht Ende des Jahres nach Berlin um, wie die Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz versprach, hin zu seinen Autoren. Empfinden Sie das auch so?

Ich hoffe! (lacht) Wenn ich demnächst einen Umschlag besprechen will, muss ich nicht nach Frankfurt fahren. Aber im Ernst. Es geht vor allem um die Nähe zu den Kollegen, jetzt meine ich nicht nur die geografische. Manche Dinge erledigen sich einfach schneller, wenn man sich kurz trifft. Das Gespräch zwischen zwei Menschen ist meistens ergiebiger und führt zum schnelleren Ergebnis, als wenn man telefoniert oder per Email verhandelt. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als Frau Berkéwicz mich benachrichtigt hat.

Und am nächsten Tag wurde es bereits öffentlich bekannt?

Ja, kurz darauf. Wie es sich nun wirklich entwickelt, wenn der Suhrkamp-Verlag erst mal hier ist, wird sich zeigen. Strategisch gesehen, langfristig, ist es bestimmt eine richtige Entscheidung. Da muss ich als Autorin meiner Verlegerin einfach vertrauen.

Womit werden Sie sich in Ihrem neuen Buch auseinander setzen? Wieder mit der familiären Vergangenheit?

Nein, es gibt ein anderes Thema, das mich zurzeit sehr beschäftigt. Zwar glaube ich nicht an den Zusammenbruch des Kapitalismus, aber Korrekturen am System sind bitter nötig. Deshalb habe ich die Idee, ein kleines, schlankes Buch über das Geld zu schreiben. Oder genauer gesagt, über die Fantasmen, die an das Geld geknüpft sind. Darüber, woran die Leute glauben, die das große Geld bewegen. Das kann sich in ganz irrealen Formen abspielen und sehr ergiebig für die Literatur sein. Und da ich nicht ganz ahnungslos in solchen Dingen bin, weil ich früher als Buchhalterin gearbeitet habe, traue ich mir dieses Thema zu.

Als Sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für "Pong" im Sommer 1998 entgegennahmen, waren Sie sehr aufgewühlt, sind sogar errötet. Sind Sie jetzt als Nominierte immer noch aufgeregt?

Oh, über diesen Preis habe ich mich damals riesig gefreut! Weil es der erste und gleich ein sehr großer Preis war. Ich bin mir aber sicher, dass die späteren Preise, die gekommen sind, und, so Gott will, noch kommen, nicht mehr diese Erregung hervorrufen können. Aber es ist immer eine Ehre für mich, einen Preis zu bekommen.

Das Gespräch erschien am 4. März 2009 in der Berliner Morgenpost