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Krimiautorin Thea Dorn

Die Liebe zum Täter

Die Krimiautorin Thea Dorn präsentiert erstmals keinen Krimi, sondern ein Entführungsdrama: "Mädchenmörder" (2008)

Man muss sich nur einmal die Webseite der bekannten Krimiautorin Thea Dorn ansehen, um sich zu vergewissern, dass sich hinter dem Markennamen "theadorn" ziemlich viele Gesichter verbergen. Christiane Scherer aus Offenbach, die Opernsängerin werden wollte und eine Gesangsausbildung absolvierte. Die ehemalige Philosophiestudentin und Dozentin am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin, die sich hinter dem Pseudonym, das sich auf den Denker Theodor W. Adorno bezieht, entschloss, Karriere als Autorin zu starten und letztlich eine der erfolgreichsten Autorinnen der Bundesrepublik wurde. Vor allem eine Menschenmörderin, in Fiktion natürlich. Ist diese rothaarige, blauäugige und eigentlich sehr sympathische Frau auch noch eine Misanthropin?

"Sie können nur für eine halbe Stunde bei mir vorbeischauen", ihre Stimme am Telefon ist freundlich-hart, "aber es kann sein, dass ich Sie schon früher rausschmeißen muss. Ich muss dann los nach Bremen, zur Talk-Show!" Ein weiter Autoweg von Berlin. Aber nicht der einzige, den Thea Dorn, die auch die Büchersendung "Literatur im Foyer" im SWR moderiert, stets zurücklegen muss. Zwischen den Fahrten schafft sie es noch, ein Buch nach dem anderen zu verfassen, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher zu schreiben.

Entwickeln sich ihre Figuren von allein? "O nein! Für mein neues Buch habe ich mich drei Monate lang 24 Stunden am Tag im Arbeitszimmer eingeschlossen, bin nur mal zum Kühlschrank gegangen und zur Bücher-Sendung gefahren, sonst habe ich alles abgesagt. So abgründig und intensiv sind die Figuren, dass sie mit dem normalen Alltagsleben nicht zu vereinbaren wären."

Das neue Buch von Thea Dorn "Mädchenmörder. Ein Liebesroman" ist erstmals kein Krimi und kein Thriller, sondern die psychologisierende Verarbeitung eines Entführungsdramas. Im Mittelpunkt steht die 19-jährige Julia Lenz, die das zweitbeste Abitur in der Schule macht und sich trotzdem so unglücklich fühlt, dass sie sich an den Oberschenkeln rumritzt. Und da ist ein ehemaliger Radrennfahrer David Hoss, der sich als sadistischer Entführer entlarvt, Julia gefangen hält, foltert, aber nicht tötet, sondern sie auf die Flucht durch Belgien, Frankreich und Spanien mitnimmt, wobei weitere Mädchen zu Tode kommen. Julia ist die einzige, die überlebt.

Nach der Freilassung schreibt sie ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive in zwei Teilen auf: Der erste ist für die Öffentlichkeit bestimmt, der zweite besteht aus Liebesbriefen an ihren Peiniger und Geliebten, von dem sie eine Tochter bekommt. Die Ich-Erzählerin wechselt in der Mitte der Geschichte den Adressaten, weil sie merkt, dass ihre Liebe die Öffentlichkeit nichts angeht. So ähnelt der erste Teil einer gewöhnlichen Entführungsgeschichte, während der zweite sich mit der Psychologie einer Opfer-Täter-Beziehung auseinandersetzt. "Jetzt erkenne ich", gesteht Julia dem Entführer, "dass Du recht gehabt hast. Das wahre Monster bist nicht Du. Das wahre Monster bin ich."

Natürlich bleibt David der wahre Täter. Aber Julia hasst das Leben wie er, hasst sich selbst, ihren Körper. Und dann kommt auf einmal der "Retter", der sie diesem Leben herausreißt. Hat sie sich mitschuldig gemacht, dass er weitere Frauen umgebracht hat, oder ist sie nur Täterin sich selbst gegenüber? Es gehört schon ein großes Maß verneinender Energie dazu, um eine solche Geschichte zu erfinden.

Eine Handlung, die dem Leser über die weite Strecke des ersten Teils die Aussicht auf ein normales Entführungsmuster vortäuscht, bevor sie in die Freudsche Analyse der dunklen Psyche umschlägt. Hat die reale Geschichte um Natascha Kampusch die Autorin auf dieses heikle Thema gebracht? "Ich war baff", gesteht Thea Dorn, "dachte, es kann doch nicht wahr sein, weil ich gerade an meiner Geschichte saß, als diese Entführung in die Medien kam. Ich war 2006 bereits im Stoff drin, zu dem mich ein amerikanischer Fall von 1984 inspiriert hat, von einem vergewaltigenden Serientäter, der quer durch Amerika Frauen umgebracht und nur sein 16-jähriges Opfer frei gelassen hat."

Mörder, Leichen, Peiniger, Gepeinigte, Blut, Pistolen, Rasierklingen, und jetzt auch noch die Ambivalenz einer Täter-Opfer-Beziehung. Liest man die Bücher von Thea Dorn, gewinnt man den Eindruck, dass sie tatsächlich nicht daran glaubt, dass der Mensch per se ein positives Wesen ist. "Ich glaube", sagt sie voller Überzeugung, "dass es in uns Menschen sehr viel Dreckiges und Dunkles gibt. Und für mich ist diese Kinderhaltung - ich mache die Augen zu und der schwarze, böse Mann kann mich nicht sehen - nicht akzeptabel. Ich möchte die Augen nicht zumachen. Ich scheue nicht, in die Abgründe unserer Psyche hinab zu steigen. Das Kunststück dabei ist, sich in diesen Abgründen nicht zu verlieren."

(Das Porträt erschien am 24. Februar 2008 in der Berliner Morgenpost)