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Das Gegenbild des Buchlandes Katalonien

Ein Verlag tanzt aus der Reihe - Carles Portas Tatsachenroman „Tor“ (2007) rückt Katalonien in ein düsteres Bild

Von Marina Neubert

Wie auf Befehl hat der deutsprachige Buchmarkt die katalanisch-sprachige Literatur entdeckt. Mit einer unbegreiflichen Verspätung lassen Verlage im Hochgeschwindigkeitstempo die Katalanen ins Deutsche übersetzen, als hätte es vor der diesjährigen Frankfurter Buchmesse den fabelhaften mittelalterlichen Dichter Ramon Llull oder die wichtigsten Klassiker der katalanischen Moderne Mercé Rodoreda und Josep Pla oder die heute in catalá schreibenden Autoren wie Quim Monzó, Salvador Espriu, Albert Sánchez Pinol nicht gegeben. Aber jetzt kann der deutschsprachige Leser endlich die bedeutenden Schriftsteller Kataloniens zur Kenntnis nehmen und den Reichtum dieser Sprache auskosten. Besser spät als nie.

Doch der Berlin Verlag tanzt aus der Reihe. Zwar druckt auch dieser Verlag zur Buchmesse einen Katalanen, aber er entscheidet sich dabei nicht für große Literatur, sondern für eine journalistische Recherche des TV-Reporters Carles Porta über drei unaufgeklärte Morde in einem archaischen Dorf in den katalanischen Pyrenäen. "Wir wollten", sagt Laurenz Bolliger, Leiter des Taschenbuchlektorats, "ein Grenzland voller Gegensätze zeigen, ein Panoptikum der katalanischen Kultur." Das erste Mal einen katalanischen Autor zu drucken und dabei auf die literarische Sprache zu verzichten, wohl wissend, dass genau diese Sprache, die Jahrzehnte lang verfolgt wurde und im Untergrund ihre bildreiche Poesie entwickelte, als wichtigster Hauptträger der kulturellen Identität Kataloniens gilt, ist ein mutiger Schritt. Allerdings ist der Berlin Verlag diesen Schritt nicht in aller Konsequenz gegangen.

Sich für ein finsteres Bild aus Katalonien zu entscheiden und Carles Portas sorgfältig recherchierte, mit authentischen Originaltönen ausgestaltete Dokumentation über ein ungelöstes Geheimnis unter dem Titel "Tor. Das verfluchte Dorf" zu einem Buch zusammenzufassen, bedeutet tatsächlich, ein Gegenbild zu dem zu schaffen, was die Buchmesse als "Glitzerwelt Barcelonas" jetzt im Oktober präsentieren möchte. Als Gegenstück den Bericht des engagierten TV-Kriegsberichterstatters Carles Porta zu wählen, mag so gesehen eine richtige Entscheidung gewesen sein, denn seine Recherchen dokumentieren das Grauen einer "abgelegenen Welt" außerhalb der Zivilisation mit erschütternder Genauigkeit.

Doch der Verlag präsentiert diese Dokumentation - aus welchen Gründen auch immer - nicht als Nonfiktion, sondern als "Tatsachenroman" in der Sparte Belletristik. Mehr noch: In seiner Werbung vergleicht er Portas journalistische, nicht auf Sprachbilder, sondern auf inhaltlichen Wahrheitsgehalt konzentrierte Schilderung mit Truman Capotes einzigartiger Sprache in dessen Tatsachenroman "Kaltblütig".

Das ist vermessen. Portas Roman liefert zwar eine authentische Dokumentation über die dunklen, mafiosen Seiten Kataloniens, zugleich aber auch ein verzehrtes Bild der Literatur - denn der gelungene Tatsachenbericht bleibt außerhalb der bildreichen, katalanischen Literatursprache.

(Die Rezension erschien am 5. Oktober 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)