Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Die Nacht, in der die Mauer fiel: 25 Autoren aus Ost und West erinnern sich an die Wende und ihre Folgen

Von Marina Neubert

Fast zwanzig Jahre sind bereits vergangen, seit die Berliner Mauer fiel. Vielleicht nicht ausreichend genug, um einen Schlussstrich unter eine Epoche zu ziehen. Doch hinreichend, um sich den nur zum Teil verarbeiteten Rückerinnerungen der Zeitzeugen erneut zu widmen. Die Anthologie "Die Nacht, in der die Mauer fiel", herausgegeben vom Berliner Essayisten und Lyriker Renatus Deckert, ist ein gelungener Beweis dafür, dass ein individuelles Gedächtnis die geschichtlichen Ereignisse oft am treffendsten zu spiegeln vermag. Und zwar nicht, indem es sie eins zu eins überträgt, sondern indem es in einer Art innerer Opposition zur äußerlichen Euphorie des Geschehens steht.

Renatus Deckert, selbst ein Dresdner, ein Nachgewachsener, der zu jener Zeit zwölf Jahre alt war, lässt fünfundzwanzig Autoren aus Ost und West sich an die Mauerfallnacht erinnern. Uwe Tellkamp, Katja Lange-Müller, Durs Grünbein, Reinhard Jirgl, Jürgen Becker, Kathrin Schmidt, Robert Menasse - nur um einige zu nennen - erzählen über die Metamorphose ihrer persönlichen Wahrnehmung, die die Ereignisse von damals bei ihnen auslösten. Dabei berichten die Ost-Autoren zuallererst aus der Perspektive der ahnungslosen Betroffenheit von Augenzeugen, die mit einem Schlag mitten in eine neue Gesellschaftsordnung hineinkatapultiert wurden und ihren Platz dort erst mal finden mussten. Während die West-Autoren sich in erster Linie als überraschte Beobachter erinnern.

Mit welchen Erwartungen beispielsweise passierte in jener Nacht Durs Grünbein die Grenze an der Bornholmer Straße? Aller Wahrscheinlichkeit nach erging ihm genauso wie seinem Alter Ego, dem Ex-Studenten Rufus Rebhuhn, der in der Erzählung "Der Weg nach Bornholm" alles Erdenkliche versucht, um eben nichts zu erwarten. Um sich von den Emotionen nicht leiten zu lassen. Mit dem Ziel, der Gefahr zu entgehen, schnelle Schlussfolgerungen ziehen zu wollen.

Reinhard Jirgl, dessen sechs fertige Manuskripte zu der Zeit bei den Behörden in einer Verbots-Schublade lagen, schützt sich ebenso vor Hochgefühlen über die lang ersehnte Veränderung und geht dabei in seiner reflektierenden Distanz noch einen Schritt weiter. In seinem Bericht stellt er das Geschehene und eine Bühneninszenierung nebeneinander, mit dem kritischen Fazit: "Theater ist auf die Straße zurückgekehrt".

Dagegen lässt Kathrin Schmidt in ihrem sehr persönlichen Brief an den Herausgeber ihren Gefühlen freien Lauf. Sie nimmt die Mauerfallnacht als Gelegenheit wahr, die Geschichte ihrer kurzen SED-Parteimitgliedschaft zu erzählen. Zwanzig Jahre danach zieht sie eine traurige Bilanz: "Wenn man heute davon spricht, kann man das den Nachgewachsenen nicht erklären."

Die meisten Texte im Band - von Erinnerungsberichten über Kurzgeschichten und Minniessays bis hin zu Briefen - sind in ihrer Aussage zwar unterschiedlich, doch alle sind sie individuell gefärbte Kleinbildnisse. Jeder Autor versucht, eine treffende Metapher für ein Ereignis zu finden, das das Ende der DDR einst einläutete und damit den Beginn eines langen Verarbeitungsprozesses, der noch nicht abgeschlossen ist. Nicht zufällig stellte Renatus Deckert den Bericht von Annett Gröschner ganz in den Anfang der Anthologie: Die Autorin vergleicht dort nämlich die Menschenmassen, die am 9. November 1989 auf die Straßen stürmten, mit einer sich ausbreitenden Marienkäferplage.

(Der Artikel erschien am 24.4.2009 in der Berliner Morgenpost)